Von Klaus Harpprecht

König Hussein hat seinen anglo – amerikanischen Beschützern peinlich ins Konzept gepfuscht, als sein Vertreter bei der UNO-Sondersitzung in New York sich in der vorigen Woche weigerte, Beobachter oder Polizeikräfte der UNO in sein Land zu lassen. Mit diesem Vorschlag Eisenhowers sollte die Voraussetzung für die Rückziehung der englischen Truppen geschaffen werden. Die einzige Erklärung für diesen überraschenden Entschluß ist, daß die UNO-Truppe vermutlich an der jordanischen Grenze stationiert würde und nicht wie die britischen Streitkräfte vor der Hauptstadt Amman; woraus man schließen könnte, daß sich der König weniger durch Infiltration von außen, als durch seine eigenen Leute bedroht fühlt. Viele Beobachter meinen, Husseins Tage seien gezählt, es ist aber auch denkbar, daß die allenthalben kolportierte Bemerkung Murphys, Israel werde, wenn es in Jordanien zu Unruhen kommen sollte, die Gelegenheit (offenbar mit Zustimmung der USA) wahrnehmen, um seine Grenze bis an den Jordan auszudehnen, den Jordaniern einen solchen Schreck versetzt hat, daß sie zunächst Ruhe halten. Eine trügerische Ruhe, aber immerhin Ruhe.

Amman Mitte August

An den Seiten der Freitreppe am Hauptportal des königlichen Palastes zu Amman kauerten zwei Löwen; sie waren aus dem gleichen blitzend weißen Sandstein gehauen wie die Quader der Residenz. Die eine der beiden Katzen hatte das Haupt müde und elegant zum Schläfchen auf die Tatzen gelegt, die andere äugt gespannt und gereizt über die Blumenbeete und Rasenhänge in das graue Straßengewürfel der jordanischen Steppenmetropole hinab. Dem Bildhauer – so fiel mir ein – könnte da eine unfreiwillige Allegorie der beiden Jünglinge auf den Thronen der haschemitischen Dynastie gelungen sein: des unglückseligen zweiten Faisal von Irak, der für seine melancholische Lethargie (und für die Sünden zweier Generationen) mit einem grauenhaften Tod büßte, und des 23jährigen Hussein von Jordanien, der sich in unserer Gegenwart gerade anschickt; mit der Tapferkeit eines Verzweifelten um Leben und Macht zu kämpfen, In diesem, seinem Königreich leben 500 000 Flüchtlinge aus Israel, 500 000 eingesessene arabische Palestinenser und 500 000 Söhne und Töchter eingesessener transjordanischer Beduinen.

Die junge Majestät hatte uns – vier deutsche Korrespondenten und einen Kanadier – durch seinen Protokollchef wissen lassen, daß sie bereit sei, uns zu einem Höflichkeitsbesuch zu empfangen.

Die Wachen der arabischen Legion mit den rotgewürfelten Kopftüchern durchsuchten unser Taxi mit peinlichem Mißtrauen, ehe wir die Auffahrt passieren konnten. In der Halle des Palais grüßten uns die tscherkessischen Leibgardisten: Nachkömmlinge muselmanischer Emigranten, die nach mörderischen Aufständen gegen die großrussische Gewalt der Zaren in der Mitte des vergangenen Jahrhunderts und vor dem ersten Weltkrieg Asyl bei den Osmanen gesucht und sich schließlich im Wüstenkrieg gegen die Türken auf die Seite der Haschemiten geschlagen hatten. Es waren eindrucksvolle Gestalten, schnauzbärtig, mit knallroter Litewka, mit schwarzem Überwurf, silbergeschmiedetem Waffengehänge und samtweichen Stiefeletten. Ihr exotischer Charme wurde lediglich von der Riesengestalt des alten Kaffeemachers übertroffen: einem bärenhaften Menschen, der sein bedeutendes Amt schon unter Husseins Großvater Abdullah versah. Wir schmeckten, wir priesen seine Kunst. Und nach einer halben Stunde wurden wir gerufen.

Die orientalische Romantik war fortgewischt, als uns der junge König in seinem Arbeitsraum die Hand gab, liebenswürdig, bescheiden distanziert.