Die Liquidatoren der IG Farbenindustrie i. A. wissen in ihrem Geschäftsbericht für 1957 von beachtlichen Fortschritten in der Liquidation dieses ehemals größten deutschen Industriekonzerns zu berichten. Das Abkommen mit der Conference of Jewish Claims in Germany (CC) ist inzwischen in Kraft getreten. Ein Gesetz über den Aufruf der Gläubiger der IG, durch das diesen eine Ausschlußfrist zur Anmeldung ihrer Forderungen gesetzt ist, wurde erlassen. Eine Reihe von größeren und großen Prozessen sind durch Vergleich oder Urteil abgeschlossen. Weiterhin haben die Liquidatoren beschlossen, die Aktien der Chemie-Verwaltungs-AG (Hüls-Holding) an die IG-Aktionäre zu verteilen.

Das alles machte in einem gewissen Umfange eine Bereinigung der Bilanz möglich. Diese zeigt jetzt ein anderes Gesicht. Die Verbindlichkeiten betragen heute mit 80 Mill. DM nur noch die Hälfte, der Rückstellungen für noch nicht geklärte Verpflichtungen. Nachdem das Abkommen mit CC wirksam geworden ist, wurden 27 Mill. DM zur Befriedigung der jüdischen Kz-Häftlinge an die CC bezahlt. Weitere 3 Mill. DM stehen für entsprechende Zahlungen an nichtjüdische, unter das Abkommen fallende Häftlinge zur Verfügung. Trotzdem war es nicht möglich, in gleichem Umfange Rückstellungen aufzulösen; inzwischen sind nämlich neue Klagen von in Auschwitz beschäftigten Kz-Häftlingen bei dem Landgericht Frankfurt eingegangen. Hierunter befindet sich eine Klage von 2295 Polen mit einem Streitwert von 22,95 Mill. DM. Diese Klagen sind vom Auschwitz-Komitee veranlaßt worden. Es strebt offensichtlich nach einer Teilnahme der Nationalgeschädigten (Kz-Häftlinge, die lediglich wegen ihrer Nationalität als Polen, Tschechen usw. nach Auschwitz gekommen waren) am Abkommen mit der CC. Hierfür ist nur schwer eine Berechtigung zu erkennen, weil die Lage dieser Kz-Häftlinge eine andere war als die der aus politischen und rassischen Gründen Inhaftierten. Für die national Geschädigten hat deshalb die IG Farben niemals eine Schadenersatzverpflichtung anerkannt. Darüber wurde auch mit dem Auschwitz-Komitee verhandelt, wobei gleichzeitig darauf hingewiesen wurde, daß die geltend gemachten Ansprüche kurz vor der Verjährung stünden. Um dem Komitee die Möglichkeit zur Klageerhebung zu geben, wurde die Frist zur Klageerhebung nochmals ausgedehnt. Die Frist aber wurde nicht genutzt. Das Komitee wollte offensichtlich verhindern, daß die IG vom Vergleich mit der CC zurücktritt. Dies wäre mit Sicherheit auch geschehen, wenn es vor Ablauf der Erklärungsfrist zu einer weiteren Masenklage gekommen wäre. Jetzt aber, nachdem keine Gefährdungen des Abkommens mit CC mehr bestehen, werden Massenklagen erhoben. Es wurden von Seiten der Polen Prozeßkosten in einem Betrag von 450 000 DM vorgelegt. Das läßt erkennen, welche starken Kräfte hinter dieser Klage stehen. Die Liquidatoren sehen der weiteren Prozeßentwicklung dennoch mit Ruhe entgegen. Sie werden als erstes den Einwand der Verjährung geltend machen.

Die Inhaber der Liqui-Anteile werden fragen, was letzten Endes, wenn die Hüls-Aktien ausgeschüttet sind, noch übrigbleibt und mit welchen Beträgen noch zu rechnen sein wird. Die Liquidatoren weisen in ihrem Geschäftsbericht darauf hin, daß, abgesehen von den Ostwerten (die in der weiteren Betrachtung ausgeklammert bleiben sollen) nichts mehr zu erwarten ist, weil das Restvermögen bis zum Betrage von 135 Mill. DM als Kapitalausstattung an die IG-Nachfolger gezahlt werden muß. Nur, wenn aus der Abwicklung mehr als dieser Betrag herauskommt, haben die Liqui-Inhaber noch etwas zu erwarten. Dabei ist zu bedenken, daß das Nominalkapital der IG 1,36 Mrd. DM beträgt und daß entsprechend für jede ausgeschüttete DM auf einen Liqui-Anteil 13,6 Mill. DM Abwicklungsüberschuß über die 135 Mill. DM hinaus herauskommen muß. Deshalb sind für die Liqui-Inhaber nur die großen Fische von Interesse. Hier gibt es drei Positionen, die den vorläufig errechneten Abwicklungsüberschuß in Höhe von 61 Mill. DM noch wesentlich erhöhen können.

An erster Stelle sind die Rückstellungen im Betrage von 164 Mill. DM zu nennen, die zweifellos nicht dem vollen Umfange nach echte Verbindlichkeiten sind. Vielmehr wird im Zuge der weiteren Abwicklung ein Teil aufgelöst und dem Überschuß zugeführt werden können. Solche freiwerdenden Teile unterliegen allerdings der Ertragsbesteuerung, so daß jeweils weniger als die Hälfte der etwa nicht erforderlichen Rückstellungsbeträge dem freien Vermögen zuwächst. Zum zweiten befinden sich stille Reserven unter den Aktiva. Das ehemals große Auslandvermögen der IG-Farben ist nur mit einem Merkposten in die Bilanz aufgenommen. Teile des Auslandvermögens, vor allem, soweit es in der Schweiz und in Schweden gelegen war, wurde inzwischen zurückgegeben. Es handelt sich hierbei um 24 Mill. DM. Wie es mit den in den USA befindlichen Vermögenswerten wird, ist völlig offen.

Als dritter Posten sind in diesem Zusammenhang die Beteiligungen zu nennen, die mit rd. 45 Mill. DM in der Bilanz stehen. 30 Mill. DM betreffen hiervon das Westvermögen der Ammoniak-Werke Merseburg GmbH (AWM). Dieser Bilanzansatz ist aller Wahrscheinlichkeit nach zu gering. Das im Westen gelegene Vermögen der AWM beträgt etwa 90 Mill. DM. Ihm stehen aber erhebliche Verpflichtungen gegenüber, die ihrer Höhe nach noch nicht beurteilt werden können. Die Zahl der aus dem Osten kommenden Arbeiter und Angestellten, die an dieses Vermögen Pensions- und Ruhegehaltsforderungen stellen können, wächst ständig. Wie hoch der endgiltige Betrag, der zu zahlen ist, sein wird, weiß niemand. Jedenfalls müssen Rückstellungen für den ungünstigsten Fall vorgenommen werden. Las gleiche gilt für sonstige privatrechtliche Forderungen an die AWM. Vor allem aber sind die steuerlichen Verhältnisse noch nicht annähernd geklärt, es ist oft sehr schwer, zu bestimmen, ob die bei der Liquidation freiwerdenden Beträge einen echten oder einen Entflechtungsgewinn darstellen. Jedenfalls haben es die Liquidatoren bisher nicht für tunlich gehalten, einen Status für das Westvermögen der AWM vorzulegen. Kein Wunder, daß sich an diesem Posten die Phantasie der Liqui-Inhaber entzündet. – eb