RH-Hamburg

Der S-Bahnsteig der Station Holstenstraße in Hamburg-Altona hat ein neues Amtshäuschen aus schwarzem Glas. Das Eisengerüst der Halle aber ist zum größeren Teil noch unverglast – seit dem Kriege. Nur die Scherben, die jahrelang zwischen den Trägern steckten, sind mittlerweile säuberlich entfernt worden.

Vom „Kriegsdenkmal“ dieser Bahnhofsruine ist es nicht weit bis zu einem anderen: dem Wohnlager Haubachstraße, das im September vorigen Jahres eingerichtet wurde und jetzt dreizehnhundert Personen beherbergt, darunter dreihundertundfünfzig Kinder!

Das Lager ist in einer Badcsteinfestung im Wilhelminischen Ankersteinbaukasten-Stil untergebracht, in der ehemaligen Altonaer Polizeikaserne. Man kann länger als fünf Minuten an dieser dunklen Festung entlanggehen. Sie ist um einen weiten Kasernenhof herumgebaut, auf dem die Fahnen der Flüchtlingslager wehen: Wäsche auf einigen hundert Metern Leine. Ein paar Dutzend Familien haben hier immer Waschtag. Für Kinder ist mehr zu waschen als für Erwachsene, und im Lager, in diesem und in allen Lagern, gibt es prozentual bedeutend mehr Kinder als in der übrigen Bevölkerung. Die Haubachstraße rangiert darin mit ihren dreihundertundfünfzig Kindern noch unter dem Lagerdurchschnitt, nach dem achtundzwanzig Kinder auf hundert Erwachsene kommen.

Flüchtlingslager? Das Wort beschwört düstere Bilder herauf, Erinnerungen an die Lager nach 1945. Entspricht das Bild von damals noch dem heutigen? Wie leben die aus der Sowjetzone und aus Polen vertriebenen Menschen hier in der ehemaligen Altonaer Polizeikaserne?

Ich stehe auf dem weiten Kasernenhof. Die Sonne ist verschwunden, die bunte Wäsche fängt wild zu flattern an, und schon gießt es. Aus mehreren Hofgängen kommen Frauen herausgestürzt und versuchen, rasch möglichst viel Wäschestücke von der Leine zu ziehen. Ich fliehe zusammen mit einer alten Frau, und einem kleinen Mädchen in einen Keller. „Die janze Stärke reechnet wieder raus aus den Oberhemden“, sagt die alte Frau urd faltet die abgenommene Wäsche im Korb zusammen...

Herr Achtermann,der stellvertretende Lagerleiter, zeigt mir, wie es in den „Wohnungen“ aussieht. In den hohen, langen Fluren riecht es nach Schule und Kaserne. Nach nahrhaften Mahlzeiten jedoch riecht es aus den Küchen, deren Türen offenstehen. Sie gehören sechs bis acht Familien zusammen. Auf einem langen Tisch sind sechs oder acht Gasherde angeordnet, eine Gasuhr unter jedem Herd. Man muß Groschen einwerfen. Niemand kann durch hohe Rechnungen erschreckt werden.