Nur verhältnismäßig wenige Antworten lauten anders, stoßen in andere Bereiche ein. Die Zahl derer, die, „wenn es nottut, die westliche Demokratie verteidigen“ wollen, ist gering. Sie beträgt etwa ein knappes Zehntel. Bezeichnenderweise sind die meisten, die so schrieben, Flüchtlinge aus der Sowjetzone: „... in der Zone empfand ich als ganz junger Mensch, aber voll und ganz, daß die Freiheit doch das Höchste ist, wofür ich meine ganze persönliche Kraft und auch mein Leben einsetzen möchte“, schrieb ein 29jähriger Elektriker. Auch bei den jungen Bauern Norddeutschlands findet sich diese Auffassung – jedenfalls weit häufiger als bei den jungen Süddeutschen.

Abgesehen von der politischen Meinung fiel uns auf, daß die jungen Lehrer und Erzieher ein größeres unmittelbares Verantwortungsgefühl zeigten als die Angehörigen der meisten anderen Berufe – ein Verantwortungsgefühl, das weit über den eigenen privaten Kreis hinausreicht. Aber ihre Stimmen sind nur vereinzelt. Auch dieses Wort einer ganz jungen Schülerin ist ein Einzelfall: „Ja, ich wäre bereit, meine ganze persönliche Kraft und mein Leben dafür einzusetzen, daß niemals wieder ein Mädchen wie Anne Frank solch ein Tagebuch schreiben kann.“

Auch die polnische und die französische Umfrage ergaben in diesem diffizilsten Fragenkomplex: Ideal – Heldentum – Opferbereitschaft etwa das gleiche Fazit: Distanz und Skepsis. „In einer Zeit wie heute“, schrieb ein 21jähriger polnischer Soldat, „lohnt es sich nicht, an ein Ideal zu glauben, welches es auch sei. Es besteht absolut keine Hoffnung, im 20. Jahrhundert ein Held zu werden, denn heute ist man ein Held und morgen ein Verräter an der Nation.“ Ein junger französischer Arbeiter meint: „Ja, man brauch: ein Ideal im Leben: das familiäre und materielle Wohlergehen. Auf jeden Fall lege ich keinen Wer: darauf, ein Held zu sein. Übrigens glaube ich nicht daran. Wenn das existiert, dann eher bei den Feuerwehrleuten als bei den Soldaten.“

Bei dem Versuch, die polnische Umfrage zu deuten, darf nicht übersehen werden, daß sie in-Frühjahr 1957 veranstaltet wurde, also in der Monaten nach der Machtübernahme Gomulkas: in der Zeit des ersten geistigen Aufbruchs und damit der ersten Unruhe. Aus den eindrucksvollsten Antworten der jungen Polen wird deutlich daß diese erste Ahnung einer neuen und verhältnismäßig großen Freiheit Ernüchterung, Zweifel manchmal auch Verzweiflung mit sich brachte Die falsche Geborgenheit, die totalitäre Systeme immer vermitteln, ist geschwunden – und die ersten Schritte dieser jungen Menschen scheinen noch tief unsicher. Das Mißtrauen gegen alle großen politischen Ordnungssysteme und Vereinheitlichungen kündigt sich an. Auch hier ist der Rückzug auf den privaten, persönlichen Lebensraum unverkennbar: „Ich will nicht ‚besessen‘ oder ‚verpestet‘ werden“, schreibt eine polnische Studentin – und meint damit offensichtlich die ideelle Besessenheit – „ich will normal leben.“

Dieses einfache Wort, das den primären Lebensanspruch sachlich formuliert, scheint mir verbindlich zu sein für die Mehrzahl der jungen Menschen aus drei Ländern, deren Stellungnahmen uns zugänglich waren. Das Postulat des „Normalleben-Wollens“ hat in den polnischen Zuschriften einen Unterton von nachdrücklichem Ernst, der um die stete Gefährdung dieser Sehnsucht weiß. Auch die jungen Franzosen verlegen – laut Umfragen – ihr Lebensideal fast ausschließlich in den privaten Bereich; und ihre Opferbereitschaft richtet sich bei der großen Mehrheit nur auf dessen Sicherung und auf die Sicherung der nächststehenden Menschen.

Die jungen Deutschen antworteten auf unsere erste Frage nicht anders; sie antworteten ohne Pathos, aber mit einem sachlichen Ernst, dem man anmerkt, daß die Entscheidung schon gefallen ist.

Die Formulierung der zweiten Frage forderte die Kritik an der Bundesrepublik heraus. Diese Kritik ist im allgemeinen nicht vorgebracht worden. Die meisten jungen Menschen, die uns schrieben, würden am liebsten in Deutschland leben, in einer sachlichen und zärtlichen Verbundenheit zugleich zur vertrauten Lebenslandschaft. Sehr viele – und dies ist des Vermerkens wert – hielten es für notwendig, hier erklärend hinzuzufügen: Hurrapatriotismus und überhebliches Nationalgefühl sei ihre Sache nicht.