Im Staate des Propheten hat die Zukunft noch nicht begonnen

Von Hans Walter Berg

Der indische Ministerpräsident Nehru hat soeben den Ministerpräsidenten von Pakistan, Malik Firoz Khan Noon, nach New Delhi eingeladen, um mit ihm über die zum Teil blutigen Zusammenstöße zu sprechen, die sich in der letzten Zeit an der pakistanisch-indischen Grenze ereigneten. Diese Bereitschaft zum Gespräch ist ein hoffnungsvolles Zeichen. Unser Korrespondent in New Delhi isteben von einer Reise durch Pakistan zurückgekehrt. Hier schildert er seine Eindrücke von diesem Land. Karachi, im August

Jedesmal, wenn ich in die pakistanische Hauptstadt komme, fahre ich hinaus zu dem kahlen Grabhügel, auf dem Pakistans erster Staatschef Mohamed Ali Jinnah und sein erster Ministerpräsident Liaquat Ali Khan beigesetzt sind. Über den schmucklosen Sarkophagen blähen sich Zelt-Baldachine im Wind, der ständig von der nahen Wüste her über den Hügel streicht. Die Gräber werden im offenen Rechteck von einer weißen Mauer eingefriedet; dahinter ducken sich die Lehmhütten und Strohmattenzelte eines riesigen Elendsquartiers von Flüchtlingen.

Als ich vor sechs Jahren zum erstenmal hier oben stand, begegnete ich vielen Pakistanern, die sich in Ehrfurcht vor den Gräbern der toten Staatsmänner verneigten. Von Jahr zu Jahr aber traf ich weniger Pakistaner auf dem Grabhügel an, jedoch schienen jedesmal die Slums in der Nähe noch größer geworden. Heute stand ich ganz allein vor den Sarkophagen, und ich wußte, daß jenseits der weißen Mauer, in der erbärmlichen Flüchtlingskolonie, alles von Ratten und Mäusen wimmelte ... Während die Symbole des Staates – offenbar an Kraft verloren haben, sind die Existenznöte des pakistanischen Volkes von Jahr zu Jahr weiter gewachsen, und zwischen dem einen und dem anderen scheint ein Zusammenhang zu bestehen.

Staatsbasis: der Koran

Zu Lebzeiten Mohamed Ali Jinnahs und Liaquat Ali Khans blieben noch all die Hoffnungen lebendig, mit denen Pakistan 1947 als Staat von 80 Millionen indischen Mohammedanern gegründet worden war. Die Menschen fühlten sich frei von dem Druck, den die wirtschaftlich stärkere Hindu-Mehrheit im ungeteilten Indien ausgeübt hatte; jetzt wollten sie darangehen, ihren eigenen Staat aufzubauen: ein politisches Gemeinwesen nach den Geboten des Propheten, einen modernen Staat auf der Grundlage des Koran.