Vor etwa fünf Jahren fand sich auf Anregung des amerikanischen Quäkerführers und unermüdlichen Fürsprechers der Völkerverständigung, Frederick Libby, eine Gruppe prominenter Amerikaner in dem „Komitee für die Rückgabe des beschlagnahmten deutschen und japanischen Eigentums“ zusammen. Dieses Komitee, dem Persönlichkeiten aus allen Lebensbereichen, aus beiden politischen Parteien und den drei großen religiösen Konfessionen angehören, setzt sich für die unbeschränkte Rückgabe der im letzten Kriege in Amerika beschlagnahmten Ausländer-Vermögen ein. Die Organisation hat keinen amtlichen Charakter; ihre Mitglieder verfolgen keine eigenen Interessen; sie arbeiten ehrenamtlich mit dem Ziel, das öffentliche Gewissen wachzurütteln und den Kongreß zu informieren. „Wir setzen ins für die Rückgabe des Eigentums ein“, so schrieb Mr. Libby erst kürzlich, „weil wir das menschliche Grundrecht hochhalten, Eigentum zu besitzen. Wir wollen die Achtung vor dem Völkerrecht und der amerikanischen Tradition stärken; wir wollen den amerikanischen Investoren in Übersee größere Sicherheit geben und die Entwicklung einer gesunden Weltwirtschaft beschleunigen. Unsere Auffassung ist ganz einfach die: Wir Amerikaner haben das Geld genommen, und wir sollten es zurückgeben. Nur so kann die dunkle Wolke über den sonst so guten Beziehungen zwischen den USA und Deutschland verschwinden.“

DIE ZEIT: Mr. Chairman, die Frage des beschlagnahmten deutschen Eigentums ist seit längerem ein Gegenstand heftiger Auseinandersetzungen zwischen den Regierungen in Washington und Bonn. Nachdem das Versprechen, das Ihr Präsident Eisenhower unserem Dr. Adenauer Mitte des vergangenen Jahres gegeben hat, bei uns große Hoffnungen auf eine baldige und faire Regelung dieser Frage geweckt hatte, scheint sie im Augenblick ihrer Lösung ferner denn je zu sein. Das belastet die Beziehungen zwischen beiden Ländern erheblich. Glauben Sie, daß sich die Regierung Eisenhower dieses Tatbestandes bewußt ist? Oder sind Sie der Meinung, daß man dieser Frage in Washington nur untergeordnete Bedeutung beimißt?

Libby: Wie Sie richtig sagen: das beschlagnahmte deutsche Vermögen hat sich zu einer die amerikanisch-deutschen Beziehungen stark belastenden Streitfrage entwickelt. Aber es ist nur eine von einer ganzen Reihe schwebender politischer Entscheidungsfragen. In den letzten Wochen wurden Präsident Eisenhower und Außenminister Dulles vor ernste Gewissensentscheidungen gestellt, bei denen es um Krieg oder Frieden ging. Die Vordringlichkeit dieser Probleme hat zweifellos die Eigentumsfrage in den Hintergrund treten lassen – nicht derart, daß sie „von geringerer Bedeutung“ geworden wäre, nur in dem Sinne, daß sie weniger vordringlich als die Entscheidungen über den Vorderen Orient erscheint. Ihre Regierung wurde vor die gleichen Problems gestellt. Wir sind der Ansicht, daß unsere Regierung – zumindest für den Augenblick – sehr wahrscheinlich den Blick für die grundsätzliche Bedeutung des sogenannten „Feindvermögensproblems“ verloren hat.

DIE ZEIT: Wie können Sie den offensichtlichen Wandel der Haltung des State Department in der Eigentumsfrage erklären, die so eindeutig in jenem Brief zum Ausdruck kam, den Unterstaatssekretär Macomber am 3. Juli 1958 an Senat und Repräsentantenhaus richtete – ein Brief, der übrigens bedeutenden Unwillen in Westdeutschland hervorgerufen hat und zu der unverzüglichen einmutigen Reaktion des Bundestages vom 4. Juli 1958 geführt hat?

Libby: Unser Auswärtiges Amt ist eine schwerfällige, unkontrollierbare Behörde – es ist, unserer Meinung nach, viel zu groß. Die Beamtenschaft des State Department repräsentiert vielfältige Ansichten zu allen politischen Streitfragen. Wir bezweifeln, daß das State Department als Ganzes seine Haltung geändert hat; es ist hingegen so, daß eine bestimmte Gruppe innerhalb des US State Department, die vom Präsidenten am 31. Juli 1957 in ihre Schranken verwiesen worden war, an 3. Juli 1958 wieder zeitweise Oberwasser hatte. Wir sind der Meinung, daß die blitzschnelle und entscheidende Aktion Ihres Bundestages in Bonn und die ganz Westdeutschland erfassende Entrüstung höchstwahrscheinlich einen Schock und eine Überraschung für Präsident Eisenhower und Außenminister Dulles darstellen und daß jene andere gemäßigtere Haltung wieder an Boden gewinnen wird, sobald die umstrittene Angelegenheit im State Department wieder behandelt wird.

DIE ZEIT: Welchen Kommentar kann das Committee for the Return of Confiscated German and Japanese Property zu dieser weiteren Verzögerung einer konstruktiven Lösung des „Feindvermögens“-Komplexes geben?

Libby: Unser Ausschuß war durch die Erklärung des Präsidenten vom 31. Juli 1957 sehr ermutigt; wir waren daher bitter enttäuscht, als wir die Verlautbarung vom 3. Juli 1958 erfuhren. Wir haben wiederholt beim Präsidenten Protest eingelegt – ebenso beim State Department, indem wir auf die Folgen einer solch wankelmütigen Politik aufmerksam gemacht haben.