R. S., Bonn, im August

Am Donnerstag hat der neue französische Botschafter in Bonn, Francois Seydoux, dem Bundespräsidenten sein Beglaubigungsschreiben überreicht. Er ist – innerhalb verhältnismäßig kurzer Zeit – der dritte französische Botschafter in Bonn nach François-Poncet. Sein Vorgänger Couve de Murville ist jetzt französischer Außenminister, dessen Vorgänger Joxe Generalsekretär im Außenministerium. Damit befinden sich drei erfahrene Kenner Deutschlands und der deutschen Politik in Schlüsselstellungen des französischen Außenministeriums. Alle drei sind Anhänger der europäischen Integration. In der Wahl dieser Mitarbeiter liegt eine beredte Geste des sonst so schweigsamen Generals de Gaulle.

Seydoux kommt aus der strengen Schule François-Poncets, unter dem er von 1933 bis 1936 in der Berliner Botschaft arbeitete. Wenn man mit ihm spricht, hat man den Eindruck, er habe von seinem damaligen Chef nicht nur die Kunst der nüchternen politischen Analyse übernommen, sondern auch seine Art, sie in deutscher Sprache vorzutragen, ja sogar manche seiner Gesten.

Nach dem zweiten Weltkriege kam Seydoux wieder nach Deutschland. Von 1946 bis 1949 – also auch während der Blockade Berlins – war er als Stellvertreter des in Baden-Baden amtierenden diplomatischen Beraters Jes französischen Militärgouverneurs in der Viersektoren-Stadt tätig. Über die Haltung der Berliner in jener Zeit spricht er mit großem Respekt.

Trotz seiner über sechsjährigen diplomatischen Tätigkeit in Deutschland kennt Seydoux große Teile der Bundesrepublik noch nicht. Deshalb hat er sich vorgenommen, viel zu reisen. In Bonn erwartet ihn eine interessantere, doch freilich auch schwierigere Aufgabe als in Wien, wo er zuletzt den Botschafterposten innehatte. Auf einige dieser Schwierigkeiten angesprochen, zum Beispiel auf die Frage der Stationierungskosten, meint er ausweichend, aber optimistisch, bei den guten Beziehungen zwischen den beiden Ländern lasse sich für alle Fragen eine Lösung finden. Man habe auch die französischen Bedenken gegen die Freihandelszone offensichtlich überschätzt. Was die Differenzen wegen bestimmter deutscher Lieferungen nach Tunesien betrifft, so vertritt Seydoux die Meinung, daß deutsche Firmen, wenn sie entsprechende Offerten machten, der tunesische Markt grundsätzlich offen stehen solle.

Das Für und Wider des europäischen Zusammenschlusses wägt der neue Botschafter realistisch ab. Mag sein, daß er, den Vorstellungen seines Ministerpräsidenten folgend, über die Rolle Frankreich in der Sechsergemeinschaft seine eigenen Gedanken hat. Aus seinen Äußerungen geht aber hervor, da? er sich über die Notwendigkeit eines gesunden Kompromisses zwischen den Interessen der sechs Länder durchaus im klaren ist.