Fünftgrößte Stadt des Landes – Halb französisch, halb englisch – Nördlich liegt nichts mehr – Metropole ohne Theater

Von Walter Ruhm

In keinem Gesetzbuch der Welt ist vorgeschrieben, daß eine Hauptstadt die größte Stadt eines Landes oder Mittelpunkt geistigen und künstlerischen Lebens – oder überhaupt etwas anderes als Sitz der Regierung und staatlicher Behörden sein muß. Es wäre grundverkehrt, Ottawas Stellung in Kanada zum Beispiel mit Londons Stellung in Großbritannien zu vergleichen. Das Parlamentsgebäude in Ottawa ist freilich in der Bauart dem Londoner Parlament nachgebildet. Doch hat das kanadische Parlamentsgebäude eine besondere Note in seinem hochragenden Friedensturm, der zu den schönsten Türmen des nordamerikanischen Kontinents gerechnet wird.

Es ist ein Jahr her, daß die Besetzung des Unterhauses eine radikale Änderung erfuhr, die ganz Kanada, am meisten wohl die Bewohner Ottawas, in Erstaunen versetzte. Die liberale Regierung, die seit 22 Jahren im Amt gewesen und zu einer anscheinend unabänderlichen Tradition geworden war, wurde plötzlich aus ihrer alteingesessenen Stellung verdrängt. Die Regierungsgeschäfte wurden der bisherigen Haupt-Oppositionspartei, den Fortschrittlich-Konservativen, übergeben.

An die Stelle des bisherigen Regierungschefs Louis St. Laurent‚ des zweisprachigen Juristen aus der französischsprachigen Provinz Quebec, trat der englischsprachige Jurist John Diefenbaker aus der Prärieprovinz Saskatchewan.

Kanada entstand staatsrechtlich Anfang des 16, Jahrhunderts – als französische Seefahrer das Gebiet am St.-Lorenz-Strom für ihren König Franz I. als „Neufrankreich“ in Besitz nahmen. 1608 wurde die erste Stadt auf kanadischem Boden gegründet, Quebec City, das in diesem Jahr sein 350. Jubiläum feiert. Erst im Siebenjährigen Krieg, dessen „Seitenstück“ der englisch-französische Kolonialkrieg war, wurde Quebec von den Engländern erobert. 1763 wurde ihnen von den Franzosen im Pariser Frieden das eigentliche Kanada abgetreten.

Das siegreiche England sicherte der französischen Bevölkerung die Erhaltung ihrer Sprache und Bräuche, ihrer katholischen Religion und ihrer Kultur zu, und bis auf den heutigen Tag ist die französische Sprache in Kanada mit der englischen gleichberechtigt.