Von Thilo Koch

Auf den Schreibtischen der Redaktion landeten: zwei Artikel der in Dresden erscheinenden „Sächsischen Zeitung“, dazu ein Briefwechsel zwischen Herrn Rolf Freudenberg von der „Abteilung Kulturpolitik bei dieser Zeitung und Fräulein Barbara Freytag aus Hamburg. Hat es einen Sinn, darauf einzugehen? Das war, das ist immer wieder die Frage. Ja, es hat einen Sinn. Wir müssen weiter miteinander reden, auch wenn und gerade weil die Verständigung so bestürzend schwer zu werden droht, und zwar im buchstäblichen Sinne: der gleiche deutsche Satz, das gleiche deutsche Wort bedeuten schon oft etwas anderes in Dresden oder Jena als in München oder Hamburg. Wir werden die ZEIT nach Dresden schicken, sind aber nicht sicher, ob sie ankommt, wie die „Sächsische Zeitung“ in Hamburg.

Franz Kafkas Roman „Das Schloß“ erzielte in der Bundesrepublik Deutschland dieser Tage in einer preiswerten Sonderauflage einen Absatz von über 50 000 Exemplaren. Wer das Pech hatte, im Deutschland der Hitlerjahre jung zu sein, durfte den Juden Kafka nicht kennenlernen. Wer das Pech hat, im Deutschland der Ulbricht-Hälfte jung zu sein, darf Kafka wieder nicht kennenlernen; diesmal ist der bewegendste Prosaist der modernen deutschsprachigen Literatur unerwünscht als Repräsentant der „Dekadenz des imperialistischen Lagers“.

Das Trauerspiel des deutschen Geistes im 20, Jahrhundert hat also bereits zwei finstere Akte – und der zweite findet hinter dem Eisernen Vorhang noch statt, unsichtbar für die westlichen drei Vierteile unseres Volkes. Hinüber und herüber gehen propagandistisch soufflierte Mißverständnisse. Es ist schon eine wundersame Ausnahme, wenn eine junge Hamburgerin die „Sächsische Zeitung“ in die Hand bekommt, sich über einen Artikel ärgert und kurzerhand an den kommunistischen Landsmann schreibt, der ein paar hundert Kilometer entfernt an demselben deutschen Fluß Elbe in Dresden auf seinem Redaktionsstuhl sitzt. Welchen Inhalt sollte wohl der Begriff „gesamtdeutsch“ noch haben, wenn er sich nicht gelegentlich anläßlich so couragierter privater Initiative als öffentliches Gespräch manifestierte?

Die „Sächsische Zeitung“ entwirft vom literarischen Leben in der Bundesrepublik ein düsteres Bild: Neofaschistische Memoirenliteratur und „Comics“. „Die Kämpfer des Friedens und des Fortschritts“ schmachten „in Gefängnissen, in der Illegalität“. Dazu ein Bonner Außenminister, der Bertolt Brecht beleidigt; ein „verunglimpfter Thomas Mann“; „ungesunde Atmosphäre“; „wütender Terror“; „Mißachtung der führenden Sowjetliteratur“; „kein Willi Bredel, keine Anna Seghers, kein Arnold Zweig“. Zusammenfassendes „atmosphärisches“ Résumé einer kommunistischen Reportage aus Mannheim: „Die Straße war sehr belebt, aber niemand schien den Wunsch nach einem Buch zu haben,“

Im Jahre 1956 betrug der Bücherumsatz der Bundesrepublik Deutschland 1,5 Milliarden DM; es kamen 16 000 Titel heraus. Die Zahlen für 1957 sind noch nicht veröffentlicht – sie dürften höher liegen als die für 1956. Alles neofaschistische Memoirenliteratur und „Comics“? Alles literarisch verbrämte militaristische Kommunistenfresserei?

Der Dresdner Redakteur fand westlich der Elbe keinen Brecht, keinen Lion Feuchtwanger, keinen Heinrich Mann, nix Gorki und Scholochow. Aber das Gesamtwerk des kommunistischen Paradeliteraten und gewiß bedeutenden Dichters Bert Brecht bringt der Suhrkamp-Verlag in Frankfurt heraus – in Frankfurt am Main! Viele Bände Brecht, das gesamte Oeuvre, stehen in jeder guten Buchhandlung der Bundesrepublik und Westberlins parat, werden gekauft und diskutiert (dagegen liegt bleiernes Schweigen über Brechts Werk in seiner Wahlheimat, der „DDR“!). Und Feuchtwanger? Der Rowohlt-Verlag in Hamburg verlegt und verkauft Band um Band. Heinrich Mann wurde lange vernachlässigt; eben jedoch kündigt der Claassen-Verlag Neuausgaben der wichtigsten Romane an; und Taschenbücher mit einzelnen Titeln gab es immer, in hohen Auflagen. Gorki? Er liegt vor bei Reclam, Rowohlt, Insel, Droemer, Scholochow? „Der stille Don“ erschien bei List.