Im vergangenen Jahr hat sich die Situation auf dem Rentenmarkt grundlegend verändert. Im Frühjahr 1957 konnte ich Sie, meine verehrten Leser, noch auf Papiere aufmerksam machen, bei denen sich eine Rendite von rund 10 v. H. erzielen ließ. Diese Zeiten sind jetzt vorbei. Die seit Kriegsende in dieser Form noch nicht vorhandengewesene Liquidität der Wirtschaft – sie resultiert in erster Linie aus den ständigen Ausfuhrüberschüssen – sowie die zunehmende Sparbereitschaft haben das Angebot auf den Kapitalmärkten steigen lassen; gleichzeitig verringerte sich die Nachfrage, denn eine Reihe von Industrieunternehmen hat angesichts der veränderten Konjunkturlage ihre Investitionsvorhaben überprüft und reduziert. So kam es zum sinkenden Zins, ein Trend, der von der Bundesbank energisch gefördert wurde, die offensichtlich bestrebt ist, in der Bundesrepublik einen Zinsfuß zu schaffen, der es auch ausländischen Kapitalnehmern ermöglicht, in der Bundesrepublik Anleihen aufzunehmen. Auf diese Weise würden sich die Devisenüberschüsse auf eine gesunde Art vermindern – und dann würde sich auch die Begehrlichkeit verringern, mit der einige kapitalsuchende Staaten und die ehemaligen Besatzungsmächte diese Überschüsse betrachten.

Die veränderte Lage bei den festverzinslichen Werten und die Neufassung des Einkommensteuerrechts sollte den Wertpapiersparer zu einer sorgfältigen Überprüfung seines Rentenportefeuilles veranlassen. Betrachten wir zunächst einmal die steuerliche Seite, die für den Normalsparer allerdings immer mehr an Bedeutung verliert, denn ein großer Kreis von Einkommensbeziehern ist nach dem neuen Einkommensteuergesetz überhaupt von der Einkommensteuer befreit.

Für die Besteuerung von Einkünften aus Wertpapieren sind zwei Neuerungen wichtig:

1. „Sonstige Einkünfte“ (darunter auch Einkünfte aus Kapitalvermögen) bis zu 600 DM jährlich waren bislang dann praktisch steuerfrei, wenn sie von Personen erzielt wurden, deren lobnsteuerpflichtiges Jahreseinkommen unter 24 000 DM blieb. Denn dann verzichtete das Finanzamt auf eine Veranlagung zur Einkommensteuer, so daß die 600 DM steuerlich nicht erfaßt wurden. Die Freigrenze von 600 DM ist nunmehr auf 800 DM heraufgesetzt worden. Das heißt, daß Sparer, für die die eben genannten steuerlichen Voraussetzungen zutreffen, rund 13 000 DM in sechsprozentigen Papieren anlegen können, ohne die Zinsen versteuern zu müssen.

2. Einkommensteuerpflichtige, die sich veranlagen lassen müssen, können jetzt unabhängig von ihrem Einkommen von den Einnahmen aus Kapitalvermögen einen Pauschbetrag für Werbungskosten von 150 DM in Anspruch nehmen, bei Ehegatten, die (nach §§ 26, 26 b EStG) zusammen veranlagt werden, erhöht sich dieser Pauschbetrag auf 300 DM.

Viele Wertpapiersparer entgehen mit ihren Zinseinkünften also der Besteuerung oder sie wird wesentlich gemildert. Dadurch verringert sich für diese Gruppen der Reiz, festverzinsliche Wertpapiere zu besitzen, deren Zinsen von jeglichen Steuern befreit sind, denn diese Wertpapiere verfügen stets nur über einen niedrigen Nominalzins. Das Bestreben muß aber sein, mit seinem Geld den höchsterzielbaren Zinssatz herauszuholen, denn mit dem Geld muß man Geld verdienen.

Nehmen wir einmal an, daß Sie noch im Besitze alter vierprozentiger Pfandbriefe sind, die Ihnen durch die Währungsreform im Verhältnis 10 : 1 abgewertet worden sind, für die Sie jedoch inzwischen im gleichen Verhältnis einen Altsparer-Pfandbrief erhalten haben. Diese Papiere notieren je nach Tilgungsbedingungen zwischen 94 und 100 v. H. (am 31. 12. 1956 nur zwischen 75 und 80 v. H.). Sind Ihre Papiere also inzwischen auf 100 v. H. gekommen, dann stimmen Rendite und Nominalzins (beides 4 v. H.) überein. Da sich heute auf dem Kapitalmarkt Renditen von 6 v. H. ohne weiteres erzielen lassen, sollten Sie sich jetzt von den niedrig verzinsbaren Pfandbriefen trennen – natürlich müssen Sie steuerlich so „liegen“, daß Ihre Zinseinnahmen nicht (oder geringfügig) versteuert zu werden brauchen.