Ich möchte immer gerne herrliche Sachen machen; aber wenn sie fertig sind, so ist es wieder der alte Strumpf, an dem ich nun schon sechsunddreißig Jahre stricke – und wenn auch parteiische Freunde sagen, Garn und Arbeit werde nun respektabler, so weiß ich doch, daß es nicht wahr ist, allein der ärgste Betrüger bin ich selber, denn ich mache mir weis, nächstens wird es schon ganz auserlesen werden – und so schleicht sich’s fort.“

Dies schrieb Adalbert Stifter in einem Brief – es ist eine jener rührenden Kostbarkeiten, ein Seufzer der Selbstzucht und Bescheidenheit, wie sich dergleichen manchmal auf Nebengleisen findet – sofern sich jemand die Mühe macht, es aufzulesen.

Nun ist das Erstöbern und Darbieten unscheinbarer, aber aufschlußreicher Schößlinge an den olympischen Blütenbäumen heute gang und gebe und Sache ganzer Geschlechter von Biographen, Deutern und Kommentatoren, von denen der größere Teil dieses Geschäft um des Geschäftes willen betreibt, wobei es gewöhnlich einen hektischen Beigeschmack von Sentiment und Sensation annimmt; andererseits ist es aber auch Ehrenmission jenes kleinen Kreises von Deutern und Kennern, die sich der schwierigen und nicht allzu dankbaren Aufgabe unterziehen, Leben und Werk großer Geister, die am Rande des Vergessenwerdens stehen, zu beleuchten. Endlich wieder auf dem Markt zu haben ist ein Buch, das zu dieser zweiten Gruppe gehört –

Urban Roedl: „Adalbert Stifter, Geschichte seines Lebens“; Francke Verlag, Bern; neubearbeitete Auflage, 400 S., 23,50 DM.

Freilich ist es ein für das Studium der Figur Adalbert Stifters, wo nicht auch für sein Werk, einigermaßen unentbehrliches Buch, dessen sich jeder zu bedienen haben wird, der diesen riesigen Baumeister deutscher Sprache wirklich kennenzulernen wünscht. Es ist mit tiefer, unerschütterlicher, harmonischer Geduld und Liebe, ganz im Stil und Geiste des Meisters selber verfaßt, der die ausklingende Romantik seiner Zeit, das Erbe Jean Pauls etwa, den er so sehr verehrte, in sich überwand und zur reinsten, klarsten sprachlichen Klassik umschmolz und läuterte. Es ist das Muster einer Biographie, der Beschreibung eines äußerlich vollkommen stillen, innerlich von furchtbaren Spannungen und Schmerzen zerrissenen Daseins: es weiß sowohl die Stille und Harmonie wie aber auch die Spannungen und Leiden deutlich zu machen, aus denen das Stiftersche Werk hervorging, welches, in dem Länderwinkel zwischen Deutschland, Österreich und Böhmen wurzelnd, als ein Mittelpunktwerk deutscher Erzählkunst dasteht.

Besonders eindringlich wegen, ihrer maßvollen, jeder Melodramatik abholden Schilderung liest sich bei Urban Roedl die Darstellung und Deutung von Stifters eigentümlicher Tragik, die in dem absoluten, schier übermenschlichen Willen bestand, sein Liebesleben zu harmonisieren, seine unglückliche (natürlich!) Liebe in einer Ehe zu überwinden, in der er sich zur Liebe zwang, ohne daß die ursprüngliche Wunde je heilte. Dieser Disharmonie schloß sich der häufige, im Alter sich mehrende Mißerfolg seiner Werke und die geldliche Misere an, um endlich, das eiternde Aufbrechen einer Wunde, in die schweren psychischen Störungen überzugehen, die zu dem schrecklichen gewaltsamen Ende führten.

Man möchte, sich zu kalter Distanz zwingend, die Bemerkung wagen, daß sich hier ein typisches Dichter- oder Künstlerleben abgespielt habe, „wie es im Buche steht“: elend, zerrissen, am Unfug der großen Außenwelt tragend, von Behörden schikaniert, hohe Ideale gegen jammervolle Misere verteidigend, dies alles in eiserner Fron zu einem Werk von unvergleichlicher Zucht hämmernd; und obendrein – ach, der große Dichter! – nicht ein Narziß, noch ein Zigeuner, noch ein Abenteurer, noch ein Weltmann, sondern ein dickleibiger Schulmeister mit Backenbart und Bratenrock ... Nein, der Backfisch stellt ihn sich so nicht vor.

Aber Urban Roedl stellt ihn rechtens so vor und liefert einen gar nicht überschätzbaren Beitrag zur Künstlerkunde überhaupt, unbestechlich und mit profunden Kenntnissen und Stilmitteln ein echtes Lebensbild schaffend. M. B.-S.