Das Panorama des Katholikentages in Berlin

Von Sabina Lietzmann

Berlin, im August

Über der Seelenbinder-Halle in Ostberlin wehten die Farben des Heiligen Stuhls. Die gelbweiße Flagge der Katholischen Kirche hatte an der Stätte der SED-Parteitage die rote Fahne auf einen bescheidenen Platz am rückwärtigen Giebel gedrängt. Am Modell einer Atombombe und an der Büste des Namenspatrons der riesigen Halle, des Sportlers Seelenbinder, vorbei drängten Tausende ins Innere, standen in den Gängen und sammelten sich vor den Gittertoren, die lange vor Beginn wegen Überfüllung geschlossen wurden. Der 78. Katholikentag begann. Es gab zwar eine parallele Eröffnungsfeier in Westberlin. Doch eilten die Redner und geistlichen Würdenträger von der Deutschlandhalle am Funkturm im Konvoi über die fünfzehn Kilometer lange Strecke zur Tagungsstätte in Ostberlin.

Die Feier, im äußeren Ablauf der westlichen Parallelveranstaltung gleich, hatte in Ostberlin das Klima heftigerer Beteiligung; dies mochten die Bischöfe schon an dem jubelnden Beifall spüren, der ihnen beim Einzug entgegenschlug. Wohl war der genius loci durch das mächtige Kreuz an der Podiumswand gebannt, doch haftete gewiß der Geist, der durch Hammer und Sichel symbolisiert wird, im Bewußtsein der Anwesenden als der in dieser Halle häusliche Antipode der ecclesia triumphans. In der Häuserfront gegenüber dem Parkplatz, gleich neben der Corpus Christi-Kirche in der abermals Hunderte von Gläubigen der Feier über den Lautsprecher folgten, hatte auch an diesem Tage die „Nationale Front“ ihr Aufklärungslokal für den „Wirkungsbereich 92 und 95“ geöffnet, in dem die Tagungsstätte liegt. Auf mächtiger Tafel, weithin lesbar, waren im Schaufenster die „Zehn Gebote“ ausgestellt, die Walter Ulbricht nur wenige Wochen zuvor in der Seelenbinder-Halle verkündet hatte. Rot auf Weiß prangte da im Schaufenster die Gesetzestafel der neuen Moral. Und während der Bischof von Meißen im riesigen Versammlungshaus gegenüber von der „großen Auseinandersetzung zwischen Atheismus und Gottesglauben“ sprach und von dem „kämpferischen Arsenal des Freidenkertums des 19. Jahrhunderts“ und den„geschliffenen Diskussionen“, gegen die „unsere sich tapfer wehrenden Katholiken“ ihre Position zu halten hätten, konnte man hier, im Schaufenster der „Nationalen Front“, unübersehbar lesen: „Du sollst deine Kinder im Geiste des Friedens und des Sozialismus zu allseitig gebildeten, charakterfesten und körperlich gestählten Menschen erziehen.“ Nirgends deutlicher als hier wurde spürbar, daß der 78. Katholikentag eine Begegnung in der Diaspora war.

Pankow zeigte sich milde

Berlin ist keine katholische Stadt. Nur elf Prozent seiner Bevölkerung gehören dem katholischen Glauben an, dem überdies die zentrale Bischofskirche fehlt. Der Kuppeldom von St. Hedwig im Ostsektor, im Kriege schwer zerstört, konnte zwar wieder errichtet werden, doch ist das Innere noch immer nicht hergestellt und konnte darum vorerst nur als Quartierzuweisungsstätte für die eintreffenden Gäste aus den Bistümern und Kommissariaten von Erfurt, Görlitz, Magdeburg, Meißen und Schwerin dienen. Es gab also beim Berliner Katholikentag keine sakrale Sammlungsstätten, wie sie der Kölner Dom beim letzten Treffen bot. Die Zusammenkunft der katholischen Christen Deutschlands fand in Berlin im weltlichen Räume statt, in Messehallen und Sportarenen: Pontifikalämter, Sing- und Betmessen oder auch nur kurze Momente der stillen Einkehr vollzogen sich im Olympiastadion und in den Messehallen am Funkturm, in der Schwermaschinenhalle des Ausstellungsgeländes, in der Festhalle kommunistischer Parteitage und auf dem August-Bebel-Platz vor dem Berliner Hauptquartier der SED,