Von Ludwig Marcuse

Um die Atomwaffen liegt bereits eine gewaltige Schicht von Worten, welche sie zwar nicht schwächen, aber vernebeln: von ernsten Worten und albernen, kenntnisreichen und ahnungslosen, aufklärenden und wichtigtuerischen; von Worten in der Manier des unterhaltend-grusligen Grand Guignol und von terrorisierenden Worten. Ein Philosoph und ein Theologe haben jetzt den Terror aufgezeigt, der mit Angstmachen – Politik macht.

Karl Jaspers: „Die Atombombe und die Zukunft des Menschen“; Piper Verlag, München; 506 S., 25,– DM,

gibt einen systematischen Überblick über die vielen Fragen, die mit der Atombombe verknüpft sind. Das Erstaunliche an diesem Philosophen-Buch: daß es am schärfsten in der Skizzierung der politischen Aktualitäten ist; zum Beispiel in der Analyse des Suezkanal-Konflikts, des „Nein“ der Göttinger Erklärung, der UNO. Jaspers ist einer der seltenen philosophischen Ethiker, die vor der Kasuistik bestehen.

Ihm ist das Historisch-Politische so sehr vertraut, wie die Mehrzahl der Gelehrten, die sich melden, davor versagt. Deshalb ist es kaum nützlich, wenn er dem Physiker, dem Biologen, dem Theologen vorwirft: sie blieben zu spezialistisch. Ganz im Gegenteil: sie dilettieren zuviel! Es sind doch nur wenige – die Jaspers, die Weizsäcker, die Thielickes – die über den Atomtod mehr wissen, als daß er nicht sein sollte; die meisten wissen zum Beispiel nicht, daß er auch ein politisch einsetzbarer Schock ist. Die Gefahr ist aber zu groß, um jedem gelehrten Einfältigen und jedem Volkstribunen das Wort „Atomtod“ zur öffentlichen Benutzung zu überlassen. Jaspers allerdings weist sich durch, sein Buch aus; er hat nicht nur das Recht, er hat die Pflicht, Einfluß auszuüben.

Durchblättert man zunächst die sechs Druckseiten des Inhaltsverzeichnisses, so ist man auf eine lockere Essaysammlung im Gebiet des Politisch-Philosophischen gefaßt: auf Reflexionen über Gewalt, Pazifismus, Soldatentum, konventionelle Waffen, das koloniale Zeitalter, den Weltstaat, Koexistenz, Israel, Neutralität, die Lüge und das Prinzip der Lüge in der Politik...

So aufgezählt – und das ist nur ein kleiner Ausschnitt – klingt das Ganze nach einem Bündel von Abhandlungen mit Themen, die bisweilen mehr tagespolitscher, bisweilen mehr prinzipieller Natur sind. Man kann sie isolieren und als Beweismittel dafür verwenden, daß nicht jeder Denker so ist wie jener weise Herr des berühmten thrakischen Dienstmädchens, der in die Sterne blickte – und so in die Grube zu seinen Füßen fiel.