Kein Zweifel: mein Freund Ewald, der mit mir die viel zu enge Pultbank in Unterprima drückte, war ein beneidenswerter Don Juan, ein heißbegehrter Mädchenschreck. Ich bewunderte an ihm nicht nur die unverschämte Sicherheit, das Rezept seiner Erfolge, sondern auch die strahlende Freude, mit der er mich an seinen Abenteuern teilhaben ließ. Seiner Mitteilsamkeit verdankte ich die hemmungslosen Ausschweifungen meiner Phantasie, der wiederum er viele Anregungen verdankte.

Gemeinsam überzogen wir förmlich die ganze Stadt nebst anliegenden Gütern und Dörfern mit Liebe – er als routinierter Praktikus, ich als lüsterner Phantast, und ich hatte dabei nur eine Angst: mein Freund Ewald könnte, unbekümmert wie er war, die stolze Edith aus meinem Traumgarten entfernen. Edith, von der ich neuerdings schwärmte, ohnmächtig schwärmte, weil mir Ewalds unverschämte Sicherheit fehlte.

Ich bemühte mich, ihren Namen vor ihm zu verstecken. Ich versuchte, aus ihr ein ernstzunehmendes Herzensgeheimnis zu machen, indem ich Ewalds fröhlichen Zynismus durch sentimentale Anwandlungen dämpfte. Ich überschrieb insgeheim alle Künste und Erfahrungen Ewalds auf Edith – bis sie ein Inbild kühnster Offenbarungen wurde; bis alles an Ewalds Erlebnisberichten unwillkürlich auf sie gemünzt schien und ich aus Eifersucht endlich den Mut fand, sie um den Abendspaziergang zu bitten, den sie selber mir nahegelegt hatte – zuerst scheinbar ganz unverfänglich, dann aber etwas spöttisch, mit einem listigen Unterton des Zweifels („na, Kleiner, mal sehn, ob du dich traust“), denn sie wußte nur zu gut, daß sie hübsch war, worunter ich – wie gesagt – schon lange gelitten hatte, mindestens vier Wochen lang.

Abgesehen von meiner Eifersucht auf Ewald, suchte ich sie in der Buchhandlung, in der sie lernte, öfter auf, als mein Taschengeld es erlaubte – in der Buchhandlung, die immerhin noch so etwas wie ein beruhigend neutraler Ort war. Außerdem hoffte ich sehnlichst, sie „zufällig“ auf der Straße zu treffen, ging ihr aber feige aus dem Weg, wenn ich sie wirklich sah, einstweilen noch nicht in der Gesellschaft Ewalds.

Ich litt um sie, litt unter der Schwermut ihrer regengrauen Augen, zumal ich von meinem Vater mehr als einmal zu hören bekam, daß ein auffallend hübsches Gesicht und, wie er sagte, eine herausfordernd „ranke“ Figur Geschenke des Teufels seien, Merkmale einer gefährlichen Sündhaftigkeit, in deren Ruf Edith auch tatsächlich stand – zu ihrem Ruhme sei’s gesagt, weil sie ganz offensichtlich auf die Scheinheiligkeit unserer Mitbürger pfiff, und zu meiner Rechtfertigung sei’s vermerkt, weil sich an einem tugendhaften jungen Mädchen verhältnismäßig wenig Phantasie entzündet.

„Wenn du an eine Frau denkst“, sagte mein Vater, „dann frage dich gefälligst, ob beispielsweise ich so oder so ähnlich an deine Mutter denken könnte“. Ich dachte zum Glück nicht daran, Edith „gefälligst“ mit meiner Mutter zu vergleichen oder womöglich meine Lüsternheit an der Ehrbarkeit des Vaters zu messen. Für mich war es nicht nur darum gegangen, mutig einzugestehen, wie wunderbar herrisch Edith in meinen Wunschträumen agierte, sondern – ebenso insgeheim – auch um die verwegene Behauptung, daß ich den – hoffentlich! – sehr raffinierten Anforderungen ihrer Verworfenheit ganz selbstverständlich gewachsen wäre.

Um so ungeheuerliche Geständnisse war es für mich gegangen, als ich Edith endlich – aus Angst vor Ewalds Verführungskunst – um den Spaziergang im hereinbrechenden Dunkel bat. Dieser Mut war nun aufgebracht worden, lässig hingeworfen die Frage „treffen wir uns heute abend im Glacis?“, benannt auch die verschwiegene Bank im Schutze der alten Bastion (weil mir aus Ewalds Erzählungen die Güteklasse von Bänken ebenso geläufig war wie die wetterbedingte Beschaffenheit geeigneter Rasenflächen), scheinbar gelassen aufgenommen Ediths „meinetwegen“, das in der Buchhandlung fast nur ein Kopfnicken zwischen dem „Stundenbuch“ von Rilke und Strindbergs „Fräulein Julie“ war, fast nur ein verwirrender Blick aus den regengrauen Augen, eine Art Mona-Lisa-Lächeln in den Mundwinkeln des ovalen Gesichts, und da das heiße Spätsommerwetter keinen Platzregen versprach, kein Gewitter als gefürchteten und doch so willkommenen Dispens, sondern die trockene Körperwärme einer wolkenlosen Nacht... deshalb hätte es ganz anders kommen müssen – wie ich es Ewald versprochen hatte, ganz ungeheuerlich, wie der bang erwartete Knall eines Feuerwerkskörpers, dessen Farbenspiel mir verheimlicht worden war, so eigensinnig und auch listig verheimlicht worden war, daß die Phantasie immer neue Nahrung bekam und das Gewissen immer wieder unruhig wurde (unter den Augen des Vaters). Und ganz anders wäre es auch gekommen, wenn mein Freund Ewald nicht doch mit im Spiel gewesen wäre.