Meerjungfrauen, Nixen, Undinen, das sind jene seelenlosen Wesen aus Märchen und Sage, die zuweilen aus ihrem Element, dem Wasser, auftauchen, sich dem Menschen zu verbinden. Meist zum Unheil des Menschen. In dem Roman von

Eva Boros: „Die Meermädchen“; Wolfgang Krüger Verlag, Hamburg; 228 S., 12,80 DM,

ist das fremde Element nicht das Wasser, und die „Meermädchen“ sind keine Undinen. Es sind die der Welt durch Krankheit entrückten Mädchen, die in der Atmosphäre eines Sanatoriums leben. Magisch anziehend wirken sie auf den Maler und Kaufmann Aladar.

Aladar, von seiner Frau im Stich gelassen, lebt seinen Gewohnheiten, dem täglichen Einerlei. Nicht mehr dem Glück gilt sein Streben, sondern dem Nicht-Unglücklichsein. Da begegnet ihm die Italienerin Lalla, erstes und schönstes der Meermädchen. So sehr zieht sie ihn in ihren Bann, daß er schließlich nur noch für die Stunden, da er sie besuchen kann, lebt.

Er will sie aus ihrem behüteten Dasein in sein eigenes Leben ziehen, aber dieser Versuch muß mißlingen, denn ohne jene Krankheit, die sie geprägt hat, kann sie gar nicht sein. „Sie war die Krankheit – und mit ihr würde auch sie sterben.“

Zu dulden, nicht zu kämpfen, sind diese rätselhaften Geschöpfe geboren. Ihr geheimnisvolles Wesen zieht Aladar an, ihre Angst zu lieben rührt ihn, ihre heitere Resignation bewundert er, ihre Frivolität und Gleichgültigkeit aber erschrecken ihn; doch nie dringt er in das Innere ihres Wesens, das ihm immer gleich fremd bleibt.

Die Faszination durch Tod und Krankheit hat Eva Boros, die in Ungarn geborene und in England lebende Autorin, die selber einige Jahre in einem Sanatorium verbrachte, mit dem Autor des „Zauberberg“ gemeinsam. Gemessen an der Geschichte Hans Castorps handelt es sich bei Aladar freilich eher um einen Zauberhügel... R. v. G.