Vom 1. bis zum 5. September feiert die Universität Jena ihr 400jähriges Bestehen. Unter den Schatten, die dieses Ereignis vorauswirft, sind zwei besonders auffällig. Erstens: Die Westdeutsche Rektorenkonferenz hatte den Rektoren und Dekanen nahegelegt, an den Jenaer Feiern, zu denen zahlreiche Einladungen ergangen waren, nicht teilzunehmen, weil sie zu einer Veranstaltung parteipolitischen Charakters degradiert seien. Zweitens: Professor Josef Hämel, bekannter Dermatologe und Rektor der Jenaer Universität noch vor wenigen Tagen, floh mit seiner Frau am 22. August nach Westberlin.

Die Universität Jena ist in der Reformationszeit aus politischer und geistiger Opposition des kleinen Landes Thüringen gegen Sachsen und Wittenberg entstanden. Sie wurde nach Luthers Tod der Mittelpunkt der strengen Lutheraner. Nach dem Dreißigjährigen Krieg hat sich Jena allmählich dem allgemeinen deutschen Geistesleben angepaßt, so daß sich auch hier die Philosophie der Aufklärung durchsetzte.

Bahnbrechend für das deutsche Geistesleben vurde die Universität an der Saale, als Herzog Carl August von Sachsen-Weimar-Eisenach ihr Protektor wurde. An seine Seite trat Goethe. In mehr als 50jähriger Freundschaft haben beide Entscheidendes für Weimar und Jena getan. Goethe war lange Jahre der „heimliche Rektor“ der Universität.

Wielands Freund wurde nach Jena gerufen: der Wiener Reinhold, der hier ab 1787 schon die Philosophie des kantischen Kritizismus vertrat und sie in Deutschland erst bekanntmachte. Friedrich Schiller wurde gewonnen, der seine ästhetischen Schriften ausarbeitete und als Professor, über die politische Geschichte hinaus, das allgemeine Geistesleben in den Rahmen seiner Betrachtungen einbezog. Es kam Fichte und vertrat mit großer Wirkung seinen Idealismus des Ich. Ihm trat Schelling mit seiner Naturphilosophie entgegen. Es kam Hegel und vollendete hier seine „Phänomenologie des Geistes“, dieses gewaltige Werk der deutschen Geschichtsphilosophie. Es fanden sich die Brüder Alexander und Wilhelm von Humboldt ein. Hölderlin war kurze Zeit hier.

Durch diese Konzentration des klassischen deutschen Geistes herangelockt, fanden sich auch die Brüder August Wilhelm und Friedrich Schlegel, Jean Paul und eine ganze Reihe anderer junger Leute ein, die eine neue Bewegung in der Frühromantik schufen. Sie hatte für Jena 1815 ihre besondere politische Wirkung: in der Gründung der deutschen Burschenschaften.

Aus den Reihen der Fachgelehrten in neuerer Zeit seien nur zwei Namen genannt: Rudolf Eucken, der Nobelpreisträger, der mit seinem philosophischen Idealismus große Wirkung in ganz Deutschland ausübte, und sein Antipode Ernst Haeckel, der Zoologe, Darwinist und Vorsitzende des Deutschen Monistenbundes, wissenschaftlich stark angegriffen, doch ein Zeichen der veränderten Wilhelminischen Zeit. Auch die Zusammenarbeit des Astronomen Ernst Abbé mit dem Optiker Carl Zeiss, die zur Gründung der weltberühmten Zeiss-Werke führte, trug noch einmal Jenas Ruhm in die Welt.

Die Universität hat viele Krisen überstanden, so die orthodoxe in ihrer Gründungszeit, die Gefahr durch Napoleon wegen ihrer nationalbewußten Haltung und die Karlsbader Beschlüsse wegen ihrer freiheitlichen Gesinnung. Wir weigern uns zu glauben, daß Goethes und Schillers Geist, der Jenas große Blüte heraufführte, dem Druck des dogmatischen Materialismus erliegen soll. Mit Jena und Weimar sind Geist und Freiheit verbunden. Bruno Lenz