Eine sprechende Karte des Fremdenverkehrsverbandes Nordmark von der Alten Salzstraße zeigt den alten Handelsweg, auf dem zur Zeit der Hanse das Lüneburger Salz in die Lübecker Speicher gebracht wurde.

Ich bin danach die etwa hundert Kilometer lange Straße zweimal gefahren: einmal auf vier Rädern, das anderemal auf zweien. Vor dem schön geschwungenen Barockportal des „alten Kaufhauses“ in Lüneburg sollte man aufbrechen. In der Gegend des einstigen Lüneburger Hafens wurde der für die Stadt so lukrative Salzhandel getätigt. Die „Lüneburger Sülze“, die seit den Tagen Otto des Großen genutzt wird, erlebte ihre Blüte zur Zeit der Hanse, für die Salz einer der wichtigsten Handelsartikel war. Da die Lüneburger nicht auf eigenen Schiffen Falsterbo-Skanör, die Inseln des Baltikums oder die deutschen Kolonialstädte an der Ostsee aufsuchen konnten, gelangte das Salz nach Lübeck und wurde von dort aus durch die Salzfahrer weiterbefördert. Es ging vom Travehafen nach Bergen und Stockholm, über Stettin auf der Oder nach Schlesien und Polen und über Danzig, Riga und Reval tief hinein in die russischen Lande. Als der Lüneburger Salzvertrieb in den Wirren der Fehde zwischen Papst und Kaiser bedroht wurde, gaben lübische Abgeordnete der römischen Kurie die Erklärung ab, sie könnten die Geschäftsverbindungen mit der Ilmenaustadt unmöglich abbrechen, denn Salz brauche man in allen Ländern. So waren durch Jahrhunderte Lüneburg und Lübeck durch das Salz eng verbunden.

Das Salz wurde von Lüneburg bis zur Elbe nicht auf dem Landwege transportiert, sondern auf der Ilmenau zu den rechtsseitigen Elbhäfen (Zollenspieker, Geesthacht, Sandkrug – gegenüber Artlenburg –, Lauenburg) geschifft. Dort wurde das „lose Salz in Tonnen geschlagen“, mit Lastfuhren nach Mölln gefahren und auf der Stecknitz abermals zu Schiff gebracht, in dem es endlich die Lübecker Salzspeicher erreichte.

Die Salzstraße des Fremdenverkehrsverbandes, der für seine Zwecke die Handelsgeschichte recht eigenwillig zurechtbog, macht bei Artlenburg an der Elbe einen scharfen Knick nach Osten. Führte sie bisher an Birkenwäldern vorbei, so ließ nun die sumpfige Elblandschaft lange Reihen von Korbweiden gedeihen, zwischen denen auf überschwemmten Wiesen Telegraphenmasten verloren aufragen. Weiße Villen zeigen sich zum Greifen nahe vom andern Elbufer, und schon fährt der Wagen über die Elbbrücken und biegt links nach Lauenburg ein.

Und wenn es auch nur kurz war: wir nahmen uns Zeit für einen Blick vom Schloßberg. Von hier oben erfaßt das Auge die Dreiländerecke Niedersachsen – Mecklenburg – Schleswig-Holstein, an der diese Grenzstadt liegt. Lüneburgs Turmspitzen grüßen noch einmal aus der Geestlandschaft, aber auch die Zonengrenze ist nahe. Sie läuft gleich hinter der Stadt vorbei, und ihren Einfluß spürten wir auf der ganzen Fahrt.

Wir sahen uns noch den Landeplatz der heute noch benutzten Fähre von Artlenburg zum Lauenburger Ufer an. Ein Hohlweg mit Kopfsteinpflaster – konkav gebogen, mit tiefen, jahrhundertealten Radspuren, wie ein plattgedrücktes Omega im Profil – führt etwa sieben Kilometer lang bis nach Lütau. Dort erreicht die echte alte Salzstraße ihre moderne Schwester. Auf der als „schlechte Wegstrecke“ deklarierten historischen alten Salzstraße geht es weiter. Kein Auto und selten nur ein Mensch ist uns begegnet, während eine leicht gewellte Wald- und Wiesenlandschaft von milder Schönheit vorüberzog.

Der Fremdenverkehrsverband führt den empfohlenen Weg hinter Lütau fort. Doch da irrt er; hier gibt es keinen Weg und ein Steg, der von der Bundesstraße 209 in Richtung Buchen führt, ist weder die echte, noch die falsche, noch überhaupt eine Salzstraße, sondern ein heimtückischer Sumpfpfad. Das sei allen gutgläubigen Reisenden zur Warnung gesagt, denn ich habe lange an die Richtigkeit des Plans geglaubt – bis mir das Wasser an die Knöchel stieg.