Die Hausse auf den Wertpapiermärkten hält an. Bei den festverzinslichen Papieren tritt sie kaum noch in Erscheinung, weil einfach kein Angebot zur Verfügung steht. Infolgedessen sind die Kursnotierungen größtenteils "nominell". Wahrscheinlich würden die Käufer höhere Preise bewilligen, wenn Material auf den Markt kommen würde. Die Liquidität der Wirtschaft wächst und damit das Bedürfnis, die flüssigen Gelder möglichst nutzbringend anzulegen. Auf der anderen Seite herrscht Ebbe auf dem Markt neuer Anleihen. Die Industrie hält sich mit der Aufnahme neuen Geldes zurück, weil sie mit Recht annimmt, daß der Zinssatz auf 5 1/2 v. H. sinken wird. In Finanzkreisen ist man der Meinung, daß damit der Endpunkt der Zinssenkung für Industrie und öffentliche Anleihen zunächst erreicht ist, während der Pfandbrief auf 5 v. H. zurückgehen wird. Ist diese Annahme richtig, dann dürfte in einigen Monaten die Börse wieder stärker mit Anleihen beschickt werden, denn man weiß, daß viele Gesellschaften an Emissionen interessiert sind, um ihre zurückgestellten Investitionen finanzieren zu können. Gegenwärtig haben wir eine Periode des Anleihestau zu überstehen.

Wird der Rentenmarkt wieder flüssiger, dann dürfte sich auch die Hausse am Aktienmarkt verlangsamen und sogar – mindestens für einige Zeit – zum Stillstand kommen. Im Interesse einer gesunden Entwicklung des Kapitalmarktes ist eine Konsolidierungspause nur zu begrüßen, denn es besteht kein Zweifel – und das sagt auch der letzte Bericht der Bundesbank –, daß einige Kurse bereits als überhöht anzusehen sind. Viele Banken empfehlen deshalb ihrer Kundschaft, den Kursstand der Aktien mit dem inneren Wert der betreffenden Gesellschaften zu vergleichen und Realisationen cort vorzunehmen, wo keine Übereinstimmung mehr besteht. Bei der Bilanzierungsweise vieler Gesellschaften, die mehr auf Verbergen als auf Offenlegen abgestellt – ist, dürfte es allerdings nicht nur dem Aktiensparer schwerfallen, den inneren Wert eines Unternehmens aus der Bilanz abzulesen, sondern auch dem Bilanzkundigen, dem es gegeben ist, zumindest einige Bilanzschleier zu zerreißen.

Weil viele Anleger angesichts der jetzt erreichten Kurse ein mißliches Gefühl bekommen haben, weichen sie auf den Montanmarkt aus, wo von überhöhten Kursen noch nicht die Rede sein kann. Es setzt sich immer mehr die Auffassung durch, daß die Stahlgesellschaften in der Lage sein werden, an ihren bisherigen Dividendensätzen festzuhalten – und es auch tun werden. Die Aussichten für die Stahlkonjunktur erscheinen nicht mehr so ungünstig wie vor einigen Monaten. So hat der Europäische Wirtschaftsrat (OEEC) der Stahlindustrie in einer Untersuchung dringend geraten, ihre Investitionen im Hinblick auf die längerfristigen Tendenzen im Stahlverbrauch auf keinen Fall zu kürzen, selbst wenn die Produktionskapazitäten zur Zeit nicht voll ausgenutzt seien. Nach Schätzungen der OEEC müßte die Produktion bis 1961 um etwa rund 30 v. H. gesteigert werden, wenn die europäische Rohstahlversorgung gesichert bleiben soll. Diese Prognose hat viel für sich. Wenn man sich ihr anschließt, kann man heute Montanaktien nahezu ohne Risiko kaufen. Kurt Wendt