Dd, Koblenz

Die Ankunft des rüstigen Greises Franz Grobauer in seiner Heimatstadt Koblenz, wo sich der mit einem Aussiedlertransport aus Stettin Zurückgekehrte als ältester Bürger der Rhein-Mosel-Stadt und der ganzen Bundesrepublik feiern und interviewen ließ, um dann in Richtung Bonn weiterzureisen – er wollte den „tüchtigen jungen Mann“ Dr. Adenauer einmal sehen –, verlockte mich schon damals, dieses Ereignis im „Länderspiegel“ festzuhalten.

Allein, die Feder stockte mir, als gleich bei dem Empfang Grobauers ein seltsamer Umstand bekanntwurde: obwohl die standesamtlichen Register der Stadt vollständig erhalten sind, fand sich im Band 1849 keine Eintragung über die Geburt des (angeblich 108jährigen) Franz Grobauer.

Wochenschau und Fernsehen richteten ihre Scheinwerfer gleichwohl auf den erstaunlich jugendfrischen Mann. Nur die Weinwerbung hatte das Nachsehen: Grobauer erklärte, von den drei Gottesgaben Wein, Weib und Gesang ziehe ihn nur noch die letztere an.

In der Tat hatte der Alte allen Grund, sich sowohl vom Weine fernzuhalten, der die Zunge hätte lösen und die Wahrheit an den Tag bringen können, als auch weiblichen Familiensinn und Scharfblick zu fürchten. Denn inzwischen hat eine Frau in München den „ältesten Bürger der Bundesrepublik“ nach einem Zeitungsbild als ihren 72jährigen Vater Karl Broy erkannt.

Vor der für das Notaufnahmelager Gießen zuständigen Amtsanwaltschaft hat der Heimkehrer daraufhin zugegeben, daß er tatsächlich Broy heißt und aus Schlesien stammt. Nun wird er sich einer psychiatrischen Untersuchung zu unterziehen haben, von deren Ergebnis es abhängt, ob gegen ihn Anklage wegen falscher Namensführung und möglicherweise auch wegen Betruges erhoben wird.

Die Bestimmung, nach der ein milderes Strafrecht angewendet werden soll, wenn die Tat aus jugendlichem Leichtsinn begangen wurde oder wenn sie eine typische Jugendverfehlung ist, trifft auf Karl Broy alias Grobauer leider nicht mehr zu.