Von Josef Müller-Marein

Als er wieder in Berlin war – nach Jahren seiner Emigration, die er arbeitsam und mit großen Erfolgen in Stockholm verbracht hatte –, lebte er in einer altmodischen Wohnung, und der Besucher verwunderte sich über die Möbel, Leo Blech sagte: „Mietmöbel! Glauben Sie, daß es sich in meinem Alter noch lohnt, neue Möbel zu kaufen?“

Da war er wieder, unter fremden Möbeln, und doch daheim; in seinem Berlin. Dieser pedantischste aller Kapellmeister war zugleich der großmütigste Mensch. Wie er es bei diesem unserem ersten Wiedersehen inmitten des zerstörten, zerrissenen Berlin verstand, die Bitternis zu verschweiget, die sich doch auch in seiner Seele zur Zeit der Verbannung angesammelt haben mußte! Oh, er hatte einst doch hassen und vor Wut erbleichen körnen, wenn ein Sänger um nur wenige Schwingungen den rechten Ton bei einer Fermate verfehlte. Und jetzt sollte er, der Heimgekehrte, aus der Fülle seines hinreißenden Sarkasmus kein Wort über die Menschen jener düsteren Epoche haben, die ihn vertrieben hatten?

Nichts davon. Zum wenigen, das er bei seiner Flucht retten konnte, gehörte ein Pokal, den Besucher der Staatsoper ihm verehrt hatten; den besaß er noch. Es war dies Geschenk mit eingravierten huldigenden Worten noch zur Zeit des „Dritten Reiches“ zu ihm gekommen, in jenen ersten Jahren der „Tausend“, als die Gewaltigen ihn noch nicht offen anzutasten wagten und er noch dirigieren durfte, wenn auch jeder schon wußte, dies werde nicht lange gut gehen. Freilich, er sprach mit Verständnis von den Zweifeln und Bedenken der wenigen Schicksalsgenossen, die gleich ihm nach Deutschland zurückgekehrt waren. Aber er sagte: „Man muß doch vorwärts sehen!‘ Er sah nur vorwärts und war doch schon so betagt.

Den Künstlern, die sich um ihn, den alten und wieder heimgekehrten Kapellmeister Berlins, sammelten, knurrte der Magen bei den Proben. Blech fütterte sie mit Schokolade, munterte sie auf. Und wieder war er, wie einst, der Entdecker und Förderer junger Kräfte: Die haben heute längst die Bühnen der Welt erobert und zehren doch noch immer von der strengen Schule und der Begeisterung, die Leo Blech, der musikalische Wiedererwecker der zerschlagenen Berliner Opernkultur, ihnen angedeihen ließ.

Er dirigierte wieder in Berlin – in Charlottenburg diesmal, nicht Unter den Linden – und er schickte vom Kapellmeisterpult auch wieder jene in Sängerkreisen berühmten und berüchtigten Zettel hinter die Bühne, mit denen er schon in den Zeiten seines und der Staatsoper höchsten Ruhmes die Solisten aufgestachelt oder geängstigt hatte. Er dirigierte, bis er die Morgenröte n;uen Opernglanzes in Berlin heraufgezaubert hatte

Dann passierte dem alten Herrn das Unglück, daß er bei einem seiner Spaziergänge zu Fall kam und sich die Hüfte brach. Von da an saß er in seiner kleinen Wohnung, las Partituren und ließ vor seinen treuen Besuchern den trockenen Witz eines weltmännischen Geistes und den melodischen Humor seiner rheinischen Heimat leuchten Je weiter er über die Achtzig kam, desto mehr nahm seine Sprache wieder den „öchener“ Ton an, die Klangfarbe des vaterstädtischen Aachen.