Kaum ein anderer Dichter steht so eindeutig und selbstverständlich außerhalb „unserer Zeit“ wie Friedrich Georg Jünger, der am 1. September in seinem Haus am Bodensee sechzig Jahre alt wird. Die Inhalte der modernen Literatur sind ihm so gleichgültig wie die wechselnden Moden des immer schneller sich drehenden Stilkarussells. In seinen Anfängen wagte er es, sein Kriegserlebnis in antikischen Strophen zu gestalten, in die sich die Ortsnamen der flandrischen und galizischen Schlachtfelder ohne jeden Verfremdungseffekt einfügten. Er hat von seinen Zeitgenossen beiseite gelassene Kunstformen wie das Gespräch neu belebt. Das Tempo seines Erzählstils ist für den an Montage und Überblendungen Gewöhnten von aufreizender Langsamkeit; die einfachen, gesättigten Bilder senken sich nur dem ein, der „abzuschalten“ weiß. Und in einer Zeit, in der atemnahe Vergegenwärtigung alles ist und der Leser am Kragen in die Welt des Erzählers hereingezerrt wird, liebt Jünger es, mit Wendungen wie „Ich will etwas anderes erzählen“ oder „Zu beachten ist“ Distanz zu schaffen und seiner Prosa als etwas von selbst sich Bewegendem ihren stetigen Lauf zu lassen. Der jägerische Zugriff, die überraschenden Kehren seines um dreieinhalb Jahre älteren Bruders Ernst Jünger liegen ihm fern; fast achtlos und gleichsam nebenher entwickelt er in seinen kritischen Untersuchungen – über Nietzsche, die Spiele, Metrisches und Mythisches – seine Anschauungen. Und doch sind sie, auf andere Art, auch gezielt. Das zeigte sich, als in den ersten Jahren nach dem letzten Krieg die bekannteste dieser Untersuchungen, „Die Perfektion der Technik“, einen Sturm verursachte. Ganze Equipen junger Wissenschaftler sind seither darauf angesetzt worden, die Thesen dieses „gefährlichsten aller technikfeindlichen Bücher“ zu widerlegen: daß keine technische Neuerung dem Menschen Arbeit abnehme, sondern das Quantum der Arbeit vielmehr vermehre; daß das Wesen der Technik der bloße Verzehr sei. Aber die Diskussion hing in der Luft, weil man in Friedrich Georg Jünger einen „Bilderstürmer“ erkannt zu haben glaubte. Dabei saß dieser Niedersachse, dem Igel des Märchens gleich, ruhig da: „Ick bün all hier.“ Nicht um Zerstörung geht es ihm, sondern um das Sichtbarmachen dessen, was von der „zweiten Wirklichkeit“ verdeckt wird, was die eigentliche Wirklichkeit ist.

Die heitere, dem Dunkeln aufruhende Gelassenheit von Friedrich Georg Jüngers Werk ist jedoch das Ergebnis eines Reifeprozesses. Nicht ein Unbeteiligter, Teilnahmsloser hat es geschaffen, der um diese seine Zeit herumging; man spürt ihm vielmehr an, daß ein Schöpfer durch sie hindurchging. Friedrich Georg Jünger stürzte sich, wie sein Bruder, gegen Ende der zwanziger Jahre in den Strudel des revolutionären Berlin, wo im Niemandsland zwischen bürgerlichem Nationalismus, utopischem Sozialismus und den totalitären Massenparteien der ganze bisherige Ideologienbestand in einen Gärtopf geraten war. Bei ihm ist, im Gegensatz zu Ernst Jünger, wenig davon in seine Bücher geraten, die ja erst Mitte der dreißiger Jahre, nach seinem Rückzug aus der Politik, zu erscheinen begannen. Doch nun hat der Dichter selbst jene Jahre aus der Erinnerung heraufgeholt – in einem Buch, das an die 1951 im gleichen Verlag erschienenen Jugenderinnerungen „Grüne Zweige“ anschließt:

Friedrich Georg Jünger: „Spiegel der Jahre.“ Carl Hanser Verlag, München. 275 S., 13,80 DM.

Dieses Buch der Erinnerungen reicht vom Jahr 1926, in dem Jünger seinen Juristenrock an den Nagel hängte und als freier Schriftsteller nach Berlin zog, bis zum Wegzug aus der Stadt im Jahre 1935. Und im Mittelpunkt des Buches steht die Auseinandersetzung mit dieser Stadt, in der sich damals alles zusammenballte, was den Kontinent politisch und geistig aufrührte. Viele der Gestalten tauchen auf, die damals jenem Brodeln eine Form zu geben versuchten oder sich doch von ihm tragen ließen: der Bruder natürlich, dann Ernst Niekisch, und unter durchsichtigen Decknamen Ernst von Salomon, Hielscher, Hugo Fischer, Bronnen, Baeumler und manche andere. Drum herum ein Kranz von Mädchengestalten, in denen sich die Ablösung von dem faszinierendabstoßenden Stadtorganismus bereits ankündet.

„Die Stadt rief Bilder in mir hervor, die ihr nicht angehörten: Gegenbilder waren das. Inmitten ihres Menschengewühls stiegen Landschaften in mir auf, Gebirge, Wälder, Inseln vor allem, leuchtende und spiegelglatte Wasserflächen, Ufer, in die die Zweige hineinhingen ... Menschenleer waren die Landschaften, unberührt und lautlos, wie Bilder sind. Sie kamen von selbst, am ehesten dort, wo der Verkehr am stärksten war.“ Man spürt: Friedrich Georg Jünger ist in der Auseinandersetzung mit Berlin zu sich selbst gekommen. Wo ist heute eine deutsche Stadt, die eine ähnlich scheidende Wirkung hat? Armin Mohler