Von Rudolf Walter Leonhardt

Heute neigen wir dazu – wir Leser und die Kritiker –, den Stoff, die Fabel sehr hoch zu schätzen. Als durchaus ernst zu nehmende literarische Gattung entwickelt sich bezeichnenderweise der „Tatsachenbericht“, der ohne Form vielleicht literarisch fragwürdig, aber ohne Stoff (und das heißt: ohne neuen, interessanten, aufregenden Stoff!) unmöglich ist.

Seit es Dichtung gibt, gibt es auch die zwei „Arbeitsweisen“ für Dichter

a) die Form beizubehalten und mit neuem Stoff zu füllen,

b) den Stoff zu übernehmen und ihm eine neue Form zu geben. Zwei Archetypen der Kunst, besonders der Erzählkunst: sie können miteinander verbunden, aber nicht gegeneinander ausgespielt werden.

Sehen wir uns heute um in der Generation unserer dreißig- bis fünfzigjährigen deutschen Erzähler (in der für literarischen Ruhm also noch immer „jungen“ Generation), dann entdecke ich da vier Männer, von denen wohl einmal zu reden sein wird – falls die Leute etwa in fünfzig Jahren, wenn sowohl diese vier wie die meisten von uns den Auseinandersetzungen mehr oder minder sanft entzogen sein werden, überhaupt noch von deutscher Literatur reden können und wollen ...

Da ist der eigentliche deutsche Nachkriegsautor, der Realist, der die elende Trümmerwelt, in der er lebte, die elende Trümmergesellschaft, zu der er gehörte, sanft satirisch beschrieb und von dort her einen Weg sucht zu dem, was eine Weile bleibt. • Ihm gesellt sich der mehr elegisch-lyrische Impressionist, mit dem freundlich gelassenen Humor einer östlichen Heimat gesegnet, der von den amerikanischen Meistern viel gelernt hat und nun über die kleine Prosaform hinauszuwachsen trachtet. Beide bevorzugen den neuen Stoff und halten sich an bewährte Formen.