Die Liquidationsanteilscheine des IG Farben-Konzerns gehören seit langem zu den beliebtesten Spekulationspapieren der westdeutschen Börsen. An den vielen Fragezeichen, mit denen dieses Papier umgeben ist, entzündete sich die Börsen„phantasie“ – und bislang haben die Optimisten, also diejenigen, die den Kurs stets für niedrig hielten, recht bekommen. Kein Wunder, wenn sich heute immer wieder Leute finden, die sich in dem Papier engagieren und die – trotz häufiger Warnungen vor einer Überbewertung dieser oder jener Position – Liquis in hohen Beträgen erwerben. In unserem Gespräch „Die große Stunde der IG-Liquis rückt näher“ vom 27. März 1958 versuchte ich Ihnen, meine verehrten Leser, klarzumachen, wie sich der Kurs für die Liquis zusammensetzt, nämlich aus den Ansprüchen auf Aktien an der Chemie-Verwaltungs-AG (sie besitzt 50 v. H. des 120 Mill. DM betragenden Aktienkapitals der Chemischen Werke Hüls) sowie aus den Ansprüchen aus der Liquidationsmasse und dem wertvollen Ostbesitz. Damals sagte ich Ihnen aber auch, daß die IG-Liquis kein Papier für den eigentlichen Aktiensparer sind, denn er kann sich mit den Risiken nicht belasten, wenngleich natürlich ansehnliche Gewinnmöglichkeiten nicht auszuschließen sind. Am 12. September findet in Frankfurt die Hauptversammlung der IG Farbenindustrie AG statt, wo der Geschäftsbericht der Liquidatoren für 1957 vorgelegt werden wird, über den die ZEIT in der vorigen Ausgabe bereits ausführlich berichtet hat. Der Liquidationsbericht ist in Kreisen einiger Kleinaktionärsgruppen auf lebhaften Widerstand gestoßen. Deshalb erscheint es mir notwendig, daß wir heute das Thema der IG-Liquis noch einmal aufgreifen.

Vor mehreren Wochen ist der Liquidationsanteilscheinder IG Farben „geteilt“ worden. An der Börse kennt man nunmehr die „vollen“ Liquis; sie enthalten sowohl den sogenannten Hüls-Kupon, also den Anspruch auf Aktien der Chemie-Verwaltungs-AG, als auch alle anderen Ansprüche aus der Liquidation. Volle Liquis notieren um 46 v. H. herum (im März 1958: 37,75 v. H.). Neben den vollen Liquis sind auch „leere“ Liquis handelbar. Ihnen ist. der Hüls-Kupon entnommen worden; infolgedessen beinhalten sie lediglich die Anprüche auf die Liquidationsmasse und auf den Ostbesitz. Ihr Kurs schwankt um 14 v. H. herum. – Im sogenannten Börsenfreiverkehr werden die Aktien der Chemie-Verwaltungs-AG notiert. Sie haben einen Kurs erreicht, der bei 530 v. H. liegt. Mit dieser Bewertung werden alle Erwartungen der Optimisten erfüllt, die denHüls-Kupon eine Perle im IG-Besitz nannten, während andererseits die IG-Farben-Nachfolger, die über die Buna-Werke-Hüls GmbH die andere Hälfte des Hüls-Kapitals in Händen haben, eine wesentlich geringere Bewertung für gerechtfertigt hielten.

Eines steht fest: Die Geschichte der Aktien der Chemie-Verwaltungs-AG ist noch nicht abgeschlossen. Niemand weiß mit Sicherheit, ob sich die IG-Farben-Nachfolger hier schon eine beherrschende Position gesichert haben; mit einigem Recht läßt sich aus verschiedenen Börsentransaktionen schließen, daß es potente Käufer gegeben haben muß und noch gibt, die auch zu den jetzigen hohen – Kursen noch eifrig Aktien der Chemie-Verwaltungs-AG erwerben. Hier sind Überraschungen durchaus möglich ...

Aktueller ist allerdings der Streit um die Bewertung der leeren Liquis, der an der Feststellung der IG-Liquidatoren aufgelebt ist, daß auf keinen Fall eine Barausschüttung aus der jetzt noch vorhandenen Liquidationsmasse erwartet werden kann. Das nachvollzogener Liquidation übrigbleibende Kapital muß bis zu einem Betrage von 135 Mill. DM den großen IG-Farben-Nachfolgern als Kapitalausstattung übergeben werden. Erst wenn mehr nachbleibt, kann an die IG-Liquis-Besitzer etwas ausgeschüttet werden.

Die Besitzer der vollen Liquis müssen demnach folgende Rechnung aufmachen: Der Kurs von etwa 46 v. H. wird mit knapp 32 Punkten durch den Hüls-Kupon gedeckt (solange die Aktien der Chemie-Verwaltungs-AG bei 530 v. H. stehen), 14 Punkte wären dann allein für den Ostbesitz gerechnet. Ob das angesichts der gegenwärtig vorhandenen Aussichten auf eine Wiedervereinigung gerechtfertigt ist, muß jeder für sich selbst entscheiden.

Nun ist es aber in Wirklichkeit so, daß die Masse der Liquis-Besitzer trotz aller gegenteiliger Beteuerungen doch noch mit einer Barausschüttung rechnen – und diese Hoffnung im Kurs der leeren Liquis mit ein paar Punkten zum Ausdruck kommt. Es ist das gute Recht der Börse, dieAnsicht der Liquidatoren zu ignorieren und darauf zu hoffen, daß die in der IG-Bilanz vorhandenen Reserven eines Tages doch nicht ganz zur Deckung der Risiken und für die Kapitalausstattung der IG-Nachfolger gebraucht werden. Ich meine, daß angesichts der vielen offenen Fragen (Prozesse, Ansprüche ehemaliger KZ-Häftlinge, Steuerstreitigkeiten usw.) auch die Liquidatoren kaum wissen können, was eines Tages noch zur Verfügung stehen wird. Deshalb sind ihre Äußerungen in der Hauptsache lediglich als persönliche Meinungen anzusehen, denen allerdings auf Grund der nun einmal vorhandenen Sachkenntnis ein gewisses Gewicht nicht abzusprechen ist.

Wogegen wendet sich nun die Opposition auf der kommenden Hauptversammlung? Sie beklagt, daß die IG-Farben-Liquidation nach wie vor undurchsichtig geblieben ist. Darin sieht sie eine Verletzung der Auskunftspflicht. Das scheint mir eine voreilige Feststellung zu sein, denn es steht der Opposition frei, auf der HV Fragen zu stellen. Erst wenn diese unbeantwortet bleiben oder unzureichend beantwortet werden, kann man von einer eventuellen Verletzung der Auskunftspflicht sprechen.