Von Karl L. Herczeg

Die Konjunkturflaute nahm in Großbritannien ihren Ausgang, griff dann auf die USA und Kanada über, um von dort aus die Rohstoffländer und schließlich auch den westeuropäischen Industriekern am Kontinent in Mitleidenschaft zu ziehen. Heute sind die Entwicklungstrends uneinheitlich, insbesondere seitdem sich in den USA eine gewisse Besserung abzeichnet. Eine empfindliche Weichstelle bleiben jedoch die unterentwickelten Länder, da eine scharfe Preisschere ihre Produkte benachteiligt. Allein in den letzten zwölf Monaten verschoben sich die Austauschbedingungen, die terms of trade, um 10 v. H. zuungunsten der Rohstoffe, da im Gegensatz zu den Rohstoffen die Fertigwaren preislich stabil blieben. Selbst beim früheren Mengenumsatz hätten somit diese Räume eine Einbuße bei ihren Exporterlösen um ein Zehntel erlitten. In Wirklichkeit war auch das Volumen stark rückläufig. Der Gesamtausfall erreicht eine Jahresrate von mindestens vier bis fünf Mrd. Dollar – das ist mehr als der gesamte Kapitalimport aus dem Westen, einschließlich der US-Auslandhilfe. Es handelt sich dabei keineswegs um eine kurzfristige Angelegenheit.

Während aber die westliche Konjunkturpolitik selbst in den Industrieländern reichlich unentschlossen ist und zur Stabilisierung der Rohstoffmärkte noch weniger geschieht, nimmt der Ostblock eine einzigartige Chance zur Ausnutzung dieser Lage wahr. Totalitäre Regimes erleichtern eine Analyse ihrer Zielsetzungen dadurch, daß sie diese meist sehr offen darlegen – zumindest für diejenigen, die nicht nach Art der Vogel-Strauß-Politik an unangenehmen Tatsachen vorbeigucken wollen. Kein östlicher Ideologe von Format hat es verabsäumt, die Krise der kapitalistischen Welt einzuläuten, verbunden mit der offen erklärten Absicht, daß man dabei kräftig nachhelfen werde. 1929 schien es das erste Mal soweit zu sein, doch war damals die Wirtschaftskraft der Sowjetunion noch nicht ausreichend, um größere Schäden anzurichten. Auch herrschte während der großen Weltwirtschaftskrise durch den Vernichtungskampf gegen die Kulaken im Sowjetreich eine Situation, die Stalin bei einem nächtlichen Gespräch mit Churchill als ungleich existenzbedrohender darstellte, als selbst die deutschen Panzerarmeen vor Moskau und in Stalingrad.

Heute steht es anders. Der Ostblock umfaßt nicht 160 Millionen Menschen wie damals, sondern eine runde Milliarde. Der Ost-West-Handel erreichte 1957 bei den westlichen Importen ein Volumen von 3,2 Mrd. Dollar – das sind zwar nur 3 v. H. des Welthandels, jedoch genügend, um eine ganze Reihe von Märkten zu stören. Dieses Wirtschaftsgebiet verfügt nämlich über nahezu alle weltmarktgängigen Rohstoffe und kann durch einen zentral gelenkten Außenhandel sehr elastisch mal hier, mal dort auftreten. Wie geschieht das in der Praxis?

1. Zinn befindet sich in einer Strukturkrise, weil eine Substitionskonkurrenz seitens anderer Metalle und synthetischer Erzeugnisse besteht. Darum wurde das Internationale Zinnabkommen geschaffen, um durch Kontingentierung der Exporte und Festsetzung eines Mindestpreises – derzeit 730 Pfund je Tonne – den Markt in Gleichgewicht zu halten. Nachdem die Sowjetunion wie Rotchina immer wieder gerade bei kritischen Marktlagen als Verkäufer auftraten, wurde Moskau aufgefordert, dem Abkommen beizutreten und als Exporteur eine Kontingenteinstufung anzunehmen. Die Sowjetunion erwiderte jedoch, daß man nicht bloß Exporteur, sondern auch Importeur sei. Darum käme nur die Entsendung eines Beobachters in Frage. Dadurch würde Moskau aus erster Hand noch präzisere Informationen über Marktschwächen für die eigenen – vom westlichen Standpunkt überaus negativen – Interventionen erhalten.

2. Ähnlich stand es in den letzten Monaten bei Aluminium, wo der Ostblock bei Notierungen von 162 bis 170 Pfund je Tonne liefert, während selbst die billige kanadische Ware bei 180 Pfund liegt. Wie kommen diese Preise zustande?

3. Über die Art, wie es dabei zugeht, gibt das Moskauer Außenhandelsministerium ein lehrreiches Material: Die Tonne Zement wird nach Portugal mit 43 Rubel je Tonne, dem rotchinesischen Partner aber für 117 geliefert. Bei Zellulose, wo der Konkurrenzkampf besonders scharf ist, hat Belgien 440 Rubel für die Tonne zu zahlen, Peking 1275. Und jeden Dumping-Experten wird die Aufstellung bei Rohöl erfreuen: Frankreich kauft gegenwärtig eine Mill. t zu 60,5 Rubel je Tonne, Italien für 63,7, Israel für 71 und Peking für 149,5! Den Dumping im Westen bezahlt in diesem Fall der rotchinesische Partner, dann natürlich auch der russische Verbraucher.