Es geht um Hering und Kabeljau

G. G. Hamburg

Seine Majestät der Hering dürfte sich in diesen Tagen ins Flößchen lachen. Sein Flossenschlag vor der isländischen Küste scheint die friedliche NATO-Eintracht ad absurdum führen und aus Freunden Feinde machen zu wollen. Nicht der Nahe Osten und die Atomwaffen, nein, Kabeljau und Hering haben internationale Spannungen hervorgerufen. Und schon hat der „Familienkrach bei NATO’s“ sich zu einem amerikanisch-sowjetischen Tauziehen um die Nordmeerinsel Island ausgeweitet, die das nördlichste Glied der atlantischen Gemeinschaft bildet und als „unversenkbarer Flugzeugträger“ des Westens gilt.

Grund für den Lärm ist die leidige Frage der Hoheitsgewässer. Island will vom 1. September an seine Viermeilenzone auf zwölf Seemeilen ausdehnen und alle fischfangenden Nationen aus den ergiebigen Laichplätzen vertreiben. Begründet wird dieser Schritt mit dem Rückgang der Fänge und mit der Rechtslosigkeit in der Frage der Seemeilengrenze.

In dieser Frage ist tatsächlich das Durcheinander groß. 23 Länder, darunter Großbritannien und die Bundesrepublik, halten an der Dreimeilenzone fest. Schweden, Finnland und Norwegen wollen auf vier Meilen gehen, 13 Länder auf sechs Meilen und acht Länder, einschließlich Islands und der Sowjetunion, auf zwölf Seemeilen. Mehrere südamerikanische Staaten verlangen sogar 100 Seemeilen und mehr.

Als die mehrwöchige internationale Seerechtskonferenz in Genf ergebnislos endete, drängten die isländischen Fischer auf Entscheidung. Jahr für Jahr, so erklärten sie, gingen ihre Fänge zurück, weil vor allem die britischen Netze unter den isländischen Kabeljaus und Heringen erheblich aufräumten. Für ein Land jedoch, dessen Export zu 95 Prozent aus Fischen und Fischprodukten besteht, geht es hier um eine Existenzfrage.

Von Existenzsorgen aber sprechen auch die britischen Fischer auf den hundert Fischdampfern, die unter Begleitung von Kriegsschiffen gen Norden aufgebrochen sind. Unter dem Schutz der Kanonen wollen die englischen Boote auch nach dem 1. September in der „verbotenen Zone“ fischen. Der britischen Armada steht eine isländische „Streitmacht“ von sieben Polizeibooten und einem Flugzeug gegenüber; eigene Soldaten kennt die Nordmeerinsel ja nicht.