Hier gibt es drei Nitribitts. Die erste ist jene, deren Handeln und Motive die Polizei noch aufzuklären sucht und die auf eine recht peinliche Art zur „historischen“ Figur geworden ist: Es gibt Menschen, für die Frankfurt die Stadt Nitribitts, nicht Goethes ist...

Zweitens: die Nitribitt des Drehbuchautors Erich Kuby – die Person, in deren Schutz Sexus und Gesellschaftskritik ein Verhältnis miteinander eingehen sollen. Drittens: die Nitribitt auf der Leinwand, die Film-Nitribitt, wie sie nunmehr auf der Biennale in Venedig und in der Bundesrepublik zu sehen ist.

Die erste Nitribitt, die „teuerste Lebedame der Bundesrepublik“, wollen wir hier beiseite lassen, obwohl sie den Film auf eine zwiespältige Weise mitbestimmt. Während alle anderen Figuren mehr oder minder Phantasieumrisse haben, hat Nitribitt unverhohlen Wirklichkeitskontakt: schon der Name ist echt. Am Drehbuch sind übrigens außer Kuby auch Rolf Thiele, der Regisseur, Jo Herbst und Rolf Ulrich beteiligt.

Könnte man unter „Thiele“ das Mitwirken der ganzen großen Maschinerie der Filmindustrie mitverstehen, so dürfte man über den Prozeß, aus dem der aufgeplusterte Film „Das Mädchen Rosemarie“ entstanden ist, sagen: Kuby denkt, Thiele lenkt. Das ist nämlich eine jener exemplarischen Fälle, wo zwischen „Idee“ und fertigem Werk ein großer Unterschied besteht.

Der Drehbuchautor Kuby denkt. Denkt er richtig? Das heißt: Denkt er in einer allgemeinverbindlichen und allgemein akzeptablen Weise? Kuby, der dem Film den Stempel seiner provokatorischen Gescheitheit aufzudrücken sich vergeblich bemüht hat, ist uns einen Kommentar nicht schuldig geblieben. Darin setzt er die Lebedame Nitribitt gegen die Lebedame Nana (in Emile Zolas Roman) ab.

Es ist nicht unehrenwert, wie Kuby, der von einem „Versuch“ spricht, sich im Netz der Widersprüche fängt: Aber er fängt sich. Im gleichen Atemzuge tut er beides, er zückt das Florett seiner Gesellschaftskritik und – er erklärt, es gäbe „überhaupt keine Schicht, die noch als Gesellschaft anzusprechen wäre“. Obwohl Kuby noch weitere Belege gerade für diesen Widerspruch liefert, weiß er, gescheit wie er ist, natürlich selber, in welche Sackgasse er sich begeben hat.

Während die Liebhaber der Nana Sünden begehen, so etwa meint Kuby, benutzen die Männer der Gesellschaft, die also eine Nicht-Gesellschaft ist, die „Betten der Mädchen als Beichtstuhl“. Sie sind vor sich selber auf der Flucht. Wer sind nun diese Männer? Es sind Industriekapitäne von Rhein und Ruhr. O nein, sie wollen für 2000 oder gar 6000 Mark kein Vergnügen, das sie für viel kleinere Münze auch haben könnten. Sie suchen „Ansprache“ und Selbstbestätigung „bei den Rosemaries“.