Max Brauer, damals Oberbürgermeister von Altona, war im Frühjahr 1933, als die Nationalsozialisten die Macht an sich gerissen hatten, seines Lebens nicht mehr sicher. Braune Rollkommandos, aufgehetzt von ihren „Führern“, veranstalteten Treibjagd auf ihn, und nur mit knapper Not konnte er sich in die Schweiz retten. Ein Politiker, dessen „Verbrechen“ darin bestand, anderer Couleur zu sein als die neuen Herrscher, wurde damals „im Namen des Volkes“ zum Volksschädling erklärt, und jene, die – immer „im Namen des Volkes“ – Gesetz und Verfassung brachen, hätten ihn totgeschlagen, hätten sie ihn nur erwischt.

Max Brauer, Erster Bürgermeister der Freien und Hansestadt Hamburg, schreibt im August 1958 (in der Nummer 34 des „Vorwärts“):

Meine persönliche Meinung ist, daß der Spruch von Karlsruhe zwar der formal bestehenden repräsentativen Demokratie in der Bundesrepublik Rechnung tragen mag, daß aber andererseits mit diesem Urteilsspruch ein beunruhigendes Mißverhältnis zwischen dem repräsentativen demokratischen Formalismus und den Lebensbedürfnissen einer demokratischen Gemeinschaft entstanden ist.

Hat der Max Brauer von 1958, der in diesem Artikel, wie er schreibt, seine „wohlerwogene Überzeugung“ zum Ausdruck bringt, denn auch bedacht, daß der Max Brauer von 1933 nicht im Namen eines „repräsentativen demokratischen Formalismus“ erschlagen worden wäre, sondern im Namen eines verheerenden Phantoms auf dessen Propagandagewand schillernde Wörter wie „Lebensbedürfnisse“ und „Gemeinschaft“ prangten?

Max Brauer, ein auch von seinen Gegnern stets geachteter Politiker des Nachkriegsdeutschlands, schlägt in diesem „Vorwärts“-Artikel Töne an, die seine Gegner alarmieren und die seine Freunde beunruhigen müssen. Da heißt es:

„Unsere Besorgnisse sind gewachsen, weil das Ventil der freien Meinungsäußerung im Rahmen einer Volksbefragung mit formal-verfassungsrechtlichen Begründungen verstopft worden ist.“

Ob der Bürgermeister Brauer, Flüchtling von 1933, Maßstäbe nennen kann, nach denen das höchste Gericht eines Staates urteilen sollte, wenn nicht nach formal-verfassungsrechtlichen Kriterien? Und was soll hier das abwertende Wort „verstopft“, durch das dem Leser suggeriert wird, die hohen Richter zu Karlsruhe machten Politik, statt Recht zu sprechen?