Panorama der Weltpolitik im Augenblick der Windstille

Von Fritz René Allemann

Mitunter erinnert die Weltpolitik an einen Film, in dem die Szenen und Kameraeinstellungen so schnell aufeinanderfolgen, daß der Zuschauer im Parkett kaum nachzukommen vermag.

Die Nahost-Krise, am 14. Juli durch den Militärputsch im Irak und am Tag darauf durch die amerikanische Landung im Libanon plötzlich in einer Weise dramatisiert, daß ängstliche Gemüter schon am Rande des dritten Weltkrieges zu stehen glaubten, hat sich innerhalb von fünf Wochen wider alle Erwartung in nichts aufgelöst. Dafür donnern jetzt am Ostrand des asiatischen Kontinents die rotchinesischen Kanonen auf Quemoy und Matsu und die andern kleinen nationalchinesischen Küsteninseln los. Und statt der Sechsten Amerikanischen Flotte im Mittelmeer ist nun die Siebente Flotte in der Straße von Formosa die Zange, mit der die Politiker und Strategen in Washington die harten Nüsse zu knacken haben, die ihnen der Ostblock aufgibt.

Ein Regisseur im Hintergrund?

Steckt hinter diesem überraschenden weltpolitischen Szenenwechsel wirklich die Hand eines raffinierten Regisseurs? War die auffällige Mäßigung, die Gromyko in New York an der Sondersitzung der Vereinten Nationen an den Tag legte, schon darauf berechnet, über dem vorderasiatischen Zwischenspiel schnell den Vorhang heruntergehen zu lassen, um die Bühne für Mao Tse-Tung freizumachen? Es hat wenig Sinn, darüber zu spekulieren, ob das Trommelfeuer auf Quemoy zu jenen „Maßnahmen“ gehört, die Chruschtschow und sein Verteidigungsminister Malinowsky schon in Peking mit den chinesischen Genossen vereinbart haben, oder ob die Chinsesen auf eigene Faust losgefeuert haben, weil ihnen etwa die ostwestliche Entspannung nach dem UNO-Kompromiß und der Genfer Einigung zwischen den Atomexperten wider den Strich ging.

Seien wir -ehrlich und geben wir zu, daß wir das nicht wissen und nicht wissen können! Genauso wenig sind wir heute schon in der Lage, ein Urteil darüber abzugeben, ob der Schlachtlärm an der Formosa-Straße eine lokale Episode unter vielen oder aber der Beginn eines militärisch-politischen Vorstoßes mit weitgesteckten Zielen ist. Erst der Fortgang der Ereignisse kann uns darüber belehren.