Die Salzburger Festspiele gehen in diesen Tagen zu Ende. Dürfte man (oder vielmehr: müßte man) das meistberedete „Ereignis“ ihrer letzten Etappe als Symptom verstehen, so wäre ein Ende auch im weiteren Sinne, über den Saisonschluß hinaus, zu fürchten. Denn was die europäische Erstaufführung der Oper „Vanessa“ den urteilsfähigen Augenzeugen zumutete, war an geistigem Niveau kaum noch zu unterbieten. Die Festspielleitung hat sich durch diese Konzession an die plumpeste Geschäftserfolgsrechnung heillos kompromittiert, und das Festspielreisegesellschaftspublikum hat durch seinen rauschenden Beifall nebst Bravorufen totale Inkompetenz bewiesen.

Man höre: Eine reiche Dame wartet zwanzig Jahre lang bei verhängten Spiegeln (um ihr Altern nicht zu bemerken) auf die Wiederkehr ihres Jugendgeliebten. Statt seiner erscheint sein Sohn Anatol, vor dessen Anblick die Dame Vanessa zunächst erschreckt flieht, so daß der schöne Anatol sogleich Gelegenheit findet, sich der Tochter Erika zu bemächtigen. Dann aber gewinnt Mutter Vanessa doch Geschmack an dem knusprigen bei ami und verheißt ihm ein Schlemmerleben auf luxuriösen Reisen durch die elegante Welt. Anatol wechselt entschlossen über zu der zwanzig Jahre älteren Matrone. Bei der rauschenden Verlobungsfeier verschwindet Erika prachtvoll kontrastierend in die schneestürmende Winternacht, um eben mal schnell das bereits empfangene Kind abzutreiben ... Das strahlende Ehepaar Anatol-Vanessa geht auf Hochzeitsfahrt, die ramponierte Erika bleibt zurück und verhängt nun ihrerseits die Spiegel.

Dies Elaborat – waschechter Sofaroman der Marlittzeit – entstammt der Feder Glan Carlo Menottis, des Autors jener Knalleffektoper „Der Konsul“, dessen Weltruhm seither seriösen Kunstfreunden verdächtig ist; die Musik ist von Samuel Barber der um die zehnmal verjährte Kintoppgeschichte von Vanessa und Erika ein Klanggewand wob, in welchem einfach alles vorkommt, was seit Wagner, Puccini, Strauß, den Veristen und den Impressionisten einmal Kurswert hatte; zum Teil in deutlichen Zitaten, zum Teil in verschämter Umschreibung. Immer mit handwerklicher Meisterschaft: eine glänzend gekonnte Niete, wie sie bei uns jeder bessere Theaterkapellmeister zimmert.

Natürlich waren die Metropolitan-Stimmen so erstklassig, wie die Metropolitan-Inszenierung schaurig, nämlich dem Sofaroman in Gesinnung und Stil ebenbürtig und von unbeschreiblicher Courths-Mahler-Milieu-Echtheit (aber nicht etwa in karikierender Absicht!). Und Mitropoulos dirigierte die Wiener Philharmoniker, als gelte es eine postume Wagner-Uraufführung. Die Begebenheit in Bausch und Bogen hatte etwas Gespenstisches, Unwahrscheinliches, Alpdruckhaftes, quälend Lächerliches.

Daß diese Gemeinschaftstat zweier Musiker von ebenso verbreiteter wie fadenscheiniger Zelebrität in New York etwas gilt, bestätigt nur die Maßstablosigkeit des dortigen Parketts. Dagegen wird es wohl ein unlösbares Rätsel bleiben, wie ein Künstler vom Range Mitropoulos’ dazu kam, eine so desperate Sache ausgerechnet nach Salzburg zu bringen, und was den künstlerischen Hauptverantwortlichen Salzburgs, Herbert von Karajan, bewog, diese Unterschiebung gutzuheißen. Soll man vielleicht den bösen Zungen Glauben schenken, die da flüstern, eine Verlängerung der Macht-Achse Wien-Mailand bis New York könnte dem großen Diktator des Taktstocks eine schlechte Messe wert sein? Soll man wirklich mutmaßen, auch Salzburg sei jetzt da angelangt, wo vor dreißig Jahren Bayreuth anfing: seine Moral aufzuopfern, indem es mittelmäßige Kräfte heranzieht im Austausch gegen Verdienste um die Werke Siegfried Wagners; oder wo heute die weitaus meisten Förderungsunternehmungen neuer Musik stehen, an deren Programmen man immer ablesen kann, in welcher ausländischen Metropole der verantwortliche Veranstalter nächstes Jahr zum Zuge kommen wird? Wäre es so: dann Gute Nacht, Salzburg!

Wäre es aber nicht so, wäre bloß Fahrlässigkeit, Gleichgültigkeit, Fehlspekulation bezüglich der Erfolgsfrage oder ganz allgemein bedenkenlose Ausrichtung auf billige Unkunstpublikumserfolge im Spiel – dann wird es höchste Zeit für gründliche Besinnung! Walter Abendroth