Berlin, Ende August

Die westdeutsche Rektorenkonferenz hat nicht nur die Beteiligung an der 400-Jahrfeier der Universität Jena abgesagt sondern auch zu verstehen gegeben, sie habe keinen Adressaten für ihre Glückwünsche (weshalb sie sie denn der Presse übergab, siehe Feuilleton dieser Ausgabe). Das werde, so erklärte der Staatssekretär für Hochschulwesen Wilhelm Girnus, die sozialistische Hochschulpolitik nicht von ihrem Kurse abbringen. „Nun erst recht“ werde man sich an die „sozialistische Umgestaltung“ der Universitäten machen.

Man darf dem Hochschulfunktionär des SED-Regimes gewiß aufs Wort glauben. Keine Schlappe wird Pankow vom eingeschlagenen Wege abbringen, auch nicht die Flucht des Rektors der Jenaer Universität, der empfindlichste Schlag, der die Hochschulumgestalter bisher getroffen hat. Sie werden ihren Kurs unverdrossen weiter einhalten. An der technischen Ausführung ihrer Operation wird niemand sie hindern können, das Objekt indessen, an dem sie ihre „Umgestaltung“ vornehmen, schrumpft ihnen unter den Händen zusammen.

Allein in den letzten Wochen büßte der akademische Lehrkörper der Sowjetzone ein: Außer dem Rektor von Jena einen Institutsdirektor aus Rostock, einen Assistenten aus Greifswald, einen Professor aus Greifswald, einen Oberassistenten aus Jena, einen Professor aus Halle, einen Oberassistenten aus Leipzig, zwei Oberassistenten aus Halle, einen Oberassistenten aus Ostberlin, einen Assistenten aus Ostberlin, zwei Assistenten aus Jena, vier Oberärzte aus Halle, einen Chefarzt aus Treuenbrietzen, drei Assistenten von der Akademie der Wissenschaften, Ostberlin, einen Assistenten von der Akademie für Landwirtschaftswissenschaft, Ostberlin,

Seit Anfang des Jahres haben rund 170 Angehörige akademischer Lehrkörper, 650 Ärzte und über 500 Lehrer die Zone verlassen. Und erst im September, wenn das neue Schul- und Studienjahr beginnt, wird sich zeigen, wie viele Akademiker diesmal aus dem Sommerurlaub nicht auf ihre Posten zurückkehren.

Ulbrichts Versuch, diesem Fluchtstrom der Intelligenz durch sanftere Behandlung „bürgerlicher“ Professoren einzudämmen, hat nichts genützt, denn er betraf nur den Ton, nicht das System. Außerdem stellen die älteren, „bürgerlichen“ Professoren nur den schmaleren Teil der Flüchtlinge, weitaus häufiger flüchtet die jüngere Generation.

Doch geht die „Sozialisierung“ weiter, nicht nur an der Spitze der Bildungspyramide, an den Hochschulen und Universitäten, sondern auch an ihrer Basis: an den Grund-, Mittel- und Oberschulen. Mit Beginn des neuen Schuljahres, am 1. September, wird an sämtlichen Schulen der Zone der obligatorische „Unterrichtstag in der Produktion“ eingeführt, das Kernstück des polytechnischen Unterrichtes, der das Schulsystem revolutionieren soll. Einmal in der Woche müssen künftig alle Jungen und Mädchen vom siebenten Schuljahr an aufwärts einen Tag im Betrieb oder in der Landwirtschaft verbringen.