Die Pariser Börse, die sich im allgemeinen für die Stimmung im Lande sehr feinfühlig zeigt, nimmt seit einigen Wochen eine ausgesprochen abwartende Haltung ein. Die Börsenkreise wollen sich, wie man im Jargon sagt, nicht „engagieren“. Sie warten ab – zuerst einmal die Volksabstimmung Ende September und deren wahrscheinlichen positiven Ausgang, dann die großen politischen, wirtschaftlichen, finanziellen und vielleicht währungspolitischen Entscheidungen, welche die neue Regierung bald treffen muß.

All dies erfüllt die Öffentlichkeit mit einem gemischten Gefühl von hoffnungsvoller Erwartung und düsterer Befürchtung. Man glaubt und hofft zwar, daß de Gaulle das Land wieder aufrichten kann, aber man befürchtet, daß dies auf Kosten zahlreicher Bequemlichkeiten geschehen wird, welche die 3. und 4. Republik ihren Bürgern so freigiebig gewährten.

Die erhebliche Besserung der inneren und äußeren Finanzen Frankreichs seit Anfang Juni ist ausschließlich psychologisch bedingt. Das Vertrauen, das der Regierung de Gaulle (d. h. in erster Linie den General selbst und dann seinen Finanzminister Pinay) entgegengebracht wird, war bisher so stark, daß selbst die Flickmaßnahmen, welche die Regierung in den letzten beiden Monaten auf wirtschaftlichem Gebiet ergriff und die jeder vorangegangenen Regierung nach wenigen Wochen zum Verhängnis geworden wären, das Klima nicht zu stören .vermochten. Die Regierung hat selber zugegeben, daß es sich bei diesen Maßnahmen (leichte Lockerung der Kreditpolitik, gewisse Steuerermäßigungen, Kompromisse in der Festsetzung der Getreidepreise, Aufrechterhaltung der Brot- und Kohlepreise) nur darum handelte, das Wirtschaftsleben Frankreichs vor der Volksabstimmung vor jeder Störung zu bewahren. Auch die Anleiheemission hatte nur den Zweck, das neue Regime während der Einrichtungsperiode von Sorgen zu befreien. Das Ergebnis der Anleihe (3,2 Milliarden DM) dürfte diesen Absichten entsprochen haben.

So viel ist in Frankreich reformbedürftig, daß man es de Gaulle nicht verübeln kann, wenn er den großen Problemen Rangnummern gegeben hat. Die Einrichtung des neuen Regimes mit seinen verschiedenen Wahlen wird bis zum nächsten Frühjahr dauern. Die erste wirtschaftspolitische Aufgabe der neuen Regierung wird dann in der Aufstellung des Staatshaushaltes für 1959 bestehen. Ob Pinay der Finanzminister dieser Regierung sein wird, ist zu bezweifeln. Der Finanzminister hat in den letzten Wochen zu oft mit seiner Demission gedroht, wenn diese oder jene Maßnahme getroffen werden sollte. Seine Auffassungen über eine „gesunde Finanzpolitik“ divergieren zu stark mit den hochfliegenden Plänen de Gaulles, als daß eine dauerhafte Zusammenarbeit denkbar wäre. Auf Grund des neuen Verfassungstextes wird übrigens auch Pinay zwischen dem Beruf eines Parlamentariers und dem Amt eines Ministers wählen müssen.

Die wirtschaftlichen Reformpläne de Gaulles sind bisher nicht bekanntgeworden. Seine Umgebung hat lediglich durchblicken lassen, daß „manches geändert werden muß“. Dazu soll auch der Abbau des Index-Unwesens gehören, das in den letzten Jahren so ausgebaut wurde, daß die Indexierung den inflatorischen Rhythmus beschleunigte. Auch scheint die neue Regierung die Absicht zu haben, dem Subventions-Unwesen den Kampf anzusagen. Sie steht hier vor einer bisher uneinnehmbaren Festung, die durch den traditionellen Protektionismus im Lauf der Zeit immer besser ausgebaut worden ist.

Schließlich ist auch wieder die Rede von einer realistischen Franc-Parität, d. h. einer neuen Franc-Abwertung. Pinay selbst hat einem englischen Korrespondenten gegenüber in einem Privatgespräch gewisse Andeutungen gemacht. Seit einigen Tagen ist auch die Diskussion über die Einführung einer Währungsumstellung wieder in Gang gekommen. Der Währungssachverständige des „Monde“, Gael Fain, hat in einem längeren Artikel auf die Notwendigkeit einer solchen Maßnahme hingewiesen und vorgeschlagen, daß der Franc von 100 auf 1 umgestellt werden soll – schon im Hinblick auf eine fruchtbare Zusammenarbeit Frankreichs mit seinen EWG-Partnern. Daß damit auch eine Reform der Währungen der Überseegebiete im Sinne ihrer Vereinheitlichung auf der Basis des neuen Franc verbunden sein müßte, wird von allen Sachverständigen anerkannt. Diese Reform dürfte vermutlich die erste Maßnahme nach der Klärung der politischen Verhältnisse in der „großen Gemeinschaft“ sein, welche die neue französische Verfassung vorsieht. J. K.