Die drei Kräfte des Marquis de Sérigny: Adel, Geld und eine Zeitung

Wie anschaulich ist doch die französische Politik! Die Gestalt de Gaulles ist genauso unproportioniert, wie das seiner Stellung in Frankreich entspricht, und das leicht verächtliche Lächeln von Mendès-France ist das des Mannes, der immer recht gehabt hat, aber auf den niemand hören will.

Und wie großartig waren die Rollen beim Putsch vom 13. Mai verteilt! General Massu spielte den brummig-entschlossenen Haudegen und sein Vorgesetzter, der General Satan, stellte alle Skrupeln des zögernden Stäblers heraus.

Bei den Zivilisten zeigt sich eben dieses Bemühen, einem Sinnbild gleich dazustehen: der frühere Geheimdienstchef Soustelle führte vor, wie man mit wissenschaftlicher Methodik einen Umsturz vorbereitet, während der jugendliche Studentenführer Lagaillarde mit seinem Bocksbärtchen und seinem existentialistischen Kostüm die anarchischen Kräfte verkörperte, die bei solchen Umbrüchen aufbrechen. Es fehlte nur noch eine fünfte Figur – die für die Mythologie der Linken ganz unentbehrliche Personifikation der bösen Geldmächte. Man fand sie in einem Mann, der mit Salan, Massu und Lagaillarde zusammen im Wohlfahrtsausschuß zu Algier sitzt: in Alain de Sérigny, dem Chef der wichtigsten Tageszeitung Algeriens, des Echo d’Alger.

Spitzname: Le crisard

Das mag auf den ersten Augenblick überraschen. De Sérigny verfügt weder über das Format eines Soustelle noch über das pittoreske Auftreten eines Massu oder Lagaillarde. Es geht ihm alles Imponierende oder auch nur Gewinnende ab, und er ist nicht einmal hintergründig. Der lang aufgeschossene 46jährige Mann mit dem ewig gleichen korrekt-griesgrämigen Gesichtsausdruck, besorgter Vater von drei Kindern, ist der Prototyp des durchschnittlichen Geschäftsmannes oder Verwaltungsbeamten, wie man sie in Paris und dem nördlichen Frankreich überall antrifft. Seine Untergebenen haben ihrem aus der Gegend von Nantes stammenden Chef, der sich so wenig in die mediterrane Leichtigkeit einschwingen kann, einen kennzeichnenden Spitznamen angehängt: sie nennen ihn le crisard – den „Kriserich“.

Wenn heute in Frankreich der Name de Serigny ein Stichwort ist, bei dessen Nennung für den Gegner der Putschisten von Algier eine ganze verruchte Welt aufsteigt, so liegt das gewiß zu einem geringen Teil an der Person des Generaldirektors des Echo d’Alger. Es wirkt sich vielmehr aus, daß sich in diesem Namen drei Elemente vereinigen, die die Bildung eines politischen Mythos geradezu provozieren: Geld, Verfügung über ein Instrument der öffentlichen Meinungsbildung, Adel. Reichtum allein genügt nicht. In der jüngeren deutschen Vergangenheit hätte ein Hugenberg nicht zur Verkörperung geheimnisvoller, im Hintergrund lenkender Finanzmächte werden können, wenn er nicht zugleich ein Herrscher über Presse (und Film) gewesen wäre. Bei de Serigny nun kommt noch etwas hinzu, was bei Hugenberg fehlte: der Adel. Er wird so in der Mythologie der Linken zu einem Paradefall, wie sich alte und neue Herrenschicht verbinden.