hst., Koblenz

Der hat’s aber jetzt überstanden“, sagte der Bundeswehr-Soldat zu seinen Begleitern. Sie strebten in bester Laune dem Ausgang des Städtischen Krankenhauses Kemperhof in Moselweiß zu, und einer der Uniformierten meinte: „Er sah heute eigentlich ganz gut aus...“ Daraufhin der dritte: „Mensch – das hätten wir wieder mal geschafft...“

Genau betrachtet haben die drei nichts geschafft. Das „wir“ entstammt lediglich der gemeinsamen Sorge um das langsame Sterben und der gemeinsamen Freude über das eben noch gerettete Leben des Gefreiten Adolf Nikelsky, Soldat bei der Stabs-Kompanie des III. Korps, und ist in diesen Tagen Redeweise aller amerikanischen und deutschen Soldaten der Garnison am Deutschen Eck. Tatsächlich geschafft haben es ein halbes Dutzend Männer beider Nationen, die widrigen Umständen zum Trotz das Rennen um das Leben des Adolf Nikelsky gewannen.

Nikelsky war Bluter; niemand wußte es; eine Operation wurde nötig. Und wie der zweiundzwanzigjährige Freiwillige schon bei der Musterung seine Krankheit verschwiegen hatte (wahrscheinlich mit der berechtigten Befürchtung, er würde sonst nicht eingestellt), so sagte er – nun allerdings aus unerklärlichen Gründen – auch vor dieser Operation nichts davon. So kam, was kommen mußte: Die Operationswunde blutete unentwegt. Damit nicht genug: schnell beschaffte deutsche Medikamente, die schon manchen Bluter vor dem sicheren Tod bewahrt hatten, halfen in diesem Fall nur jeweils für Stunden. Erfolgreicher erwies sich ein amerikanisches Serum. Das US-Lazarett in Wiesbaden stiftete nach und nach acht Packungen, und Nikelsky schien gerettet.

Am 12. August wollte es nun ein unglücklicher Zufall, daß sowohl ein unerwarteter Rückfall eintrat als auch die Meldung des amerikanischen Lazaretts eintraf, daß kein Serum mehr vorhanden sei. Nun begann beim III. Korps der Bundeswehr jener Wettlauf mit dem Tod, der erst am Abend des 15. August gewonnen werden konnte.

Am Vormittag des 12. August gibt es noch eine Hoffnung. Der Korps-Arzt, Oberstarzt Dr. Bardua, erfährt, daß ein Dr. Kohler in Zürich mit dem Serum gearbeitet hat. Telephongespräch nach Zürich. Aber der Dr. Kohler ist vor einiger Zeit gestorben. Gegen Mittag wendet sich Dr. Bardua an den amerikanischen Verbindungsoffizier des Korps, Major Bradlay. Zunächst vergebens: Keine amerikanische Einheit auf dem Kontinent hat das so dringend benötigte Serum. Kostbare Stunden verstreichen. Der Patient blutet langsam aus. Man kann nur feststellen: Der Hersteller sitzt in Los Angeles – 12 000 Kilometer weit.

Das nützt wenig. Denn jetzt, da in Koblenz eben die Mittagsglocken läuten, zeigt die Normaluhr in Los Angeles die dritte Morgenstunde an. Ein Telephongespräch ist zwecklos. Eine Stunde später sagt das amerikanische Lazarett in Wiesbaden wenigstens eine Blutsendung zu. Um 17 Uhr landet der Hubschrauber der US-Air-Force auf der Koblenzer Karthause. Ein kleiner Vorsprung ist gewonnen. Wird er ausreichen?