Wenn ein kleiner Dorfschulmeister die Aufmerksamkeit der „Oberen“ derart auf sich zu ziehen vermag, daß er in seiner Schule von Ministern persönlich besucht und vom Bundespräsidenten mit einem Bild ausgezeichnet, schließlich über alle Dienstaltersvorrechte der Kollegen hinweg zum Schulleiter befördert wird, dann muß doch wahrhaftig schon ein pädagogisches Genie in einem solchen unscheinbaren Manne stecken!

In Leupoldsgrün, einem kleinen Nest im Landkreis Hof, widerfuhren die genannten Ehrungen dem vierunddreißigjährigen Heinz Detlef Schulz. Er war nach dem Kriege dort aufgetaucht, hatte auf Grund der vorgelegten Zeugnisse der Lehrerbildungsakademie Lauenburg i. P. sogleich eine Anstellung gefunden und alsbald ein kühnes Reformwerk unternommen. In der weisen Erkenntnis, daß unsere Jugend vor allem politisch geschult werden müsse, um nicht noch einmal einem Schwindel wie dem Nationalsozialismus aufzusitzen, erhob er Sozialkunde zum Volksschullehrfach, führte mit den Schülern fingierte Gemeinderatssitzungen und Wahlen durch und sorgte durch konsequenten Verzicht auf falsche Bescheidenheit dafür, daß seine revolutionierenden Erziehertaten nicht verborgen blieben. So geschah es, daß der damalige bayerische Kultusminister Dr. Alois Hundhammer den ideal-demokratischen Fortschrittsmann an seiner Wirkungsstätte aufsuchte und ihm gebührendes Lob spendete, daß Finanzminister Zietsch sogar zu wiederholten Malen in das Mekka der modernen Pädagogik pilgerte und schließlich der Gefeierte sich mitsamt seiner Schulklasse in Bonn bei Professor Heuss vorstellen konnte.

Leider stiegen dem Genius der politischen Aufklärung seine Erfolge zu Kopf. Er benahm sich herausfordernd arrogant zu den Gemeindevätern. Es kam zum Krach. Der Erziehungswundertäter wurde nach Hof versetzt, rächte sich durch Verleumdungen und Denunziationen und – geriet unversehens dabei selbst unter die Lupe. Nun kam es heraus: er war niemals auf einer Lehrerakademie gewesen, seine Zeugnisse hatte er sämtlich gefälscht, und die politische Vorbildung für seine demokratische Erziehungsreform hatte er sich als SS-Mann der „Leibstandarte Adolf Hitler“ erworben.

Vielleicht hätte die erstaunte Mitwelt den großen Bluff niemals erfahren, hätte der vorbildliche Jugendführer nicht auch sonst seinen angemessenen Lebensstandard durch Pumpgeschäfte, Betrügereien und noch Schlimmeres finanziert. Erst diese Entdeckung erweckte nämlich Mißtrauen in die Redlichkeit eines so offenkundig hochgewürdigten Zeitgenossen.

Frage: Ist es so leicht, durch Schaumschlagen die Anerkennung höchster Staatsrepräsentanten zu erwerben? Oder enthalten moderne ideologische Illusionen von Haus aus soviel Schaumschlägerei, daß selbst berufene Augen da nicht leicht zwischen echt und unecht unterscheiden können? Oder aber: wiegen Zeugnisse mehr als Talent? Oder: gilt Talent ohne Zeugnisse nichts? Der Fragen wären noch viele mehr.

Schade, daß dieser Heros des Erziehungswunders nebenbei kriminell ist. Dadurch kommt in die schöne Köpenickiade ein Motiv, welches allzuleicht und schmerzlos von der angedeuteten Fragestellung, von der wirklichen Problematik des Falles abzulenken vermag ... Merker