W. R., London, Mitte August

Selten hat die Bank von England so einmütigen Beifall gefunden, wie dieses Mal bei ihrem Schritt von 5 auf 4 1/2 v. H. Selbst diejenigen, die unermüdlich zur Vorsicht zu mahnen pflegen, haben nicht den leisesten Widerspruch erhoben. Auf den internationalen Devisenmärkten macht das Pfund Sterling eine bessere Figur, als man es in dieser Jahreszeit erhoffen durfte, trotz der plötzlichen Schwenkung der amerikanischen Zinspolitik zum teureren Geld. Es besteht auch kein Anlaß, sich über die Handelsbilanz zu beklagen, obwohl die Exporte stagnieren (sogar fallen). Dank der Verbilligung der Einfuhren sind ungeahnte Oberschüsse entstanden. Die diesjährige Lohnwelle ist halb so hoch gewesen wie die letztjährige. Und mögen Preissteigerungen – zwar nicht völlig aufgehört haben, sind sie doch eine Seltenheit.

Viel stärker wird das britische Denken von den vermeintlichen Vorboten einer Rezession in Anspruch genommen. Leichte Einschränkungen in der Kohlenförderung haben nicht gehindert, daß die Halden wachsen. Insgesamt liegt die Erzeugung von zwei vollen Monaten auf Vorrat, mehr als 30 Mill. t. Absatzmangel hat die Stahlerzeugung auf eine Jahresrate von 16,5 Mill. t heruntergedrückt, während die Kapazität mindestens ein Produktionsvolumen von 22 Mill. t zuließ.

Jedoch das Konjunkturbild ist uneinheitlich, nicht allein von Branche zu Branche, sondern auch innerhalb der einzelnen Zweige. Gerade hat die „Tochter“ der General Motors einige huncert Arbeiter entlassen, dieweil die Konkurrenz auf Hochtouren läuft. Auf erhebliche Unterschiede in der Kapazitätsausnutzung in der Metallindustrie macht dieser Tage ein halbamtliches wirtschaftspolitisches Institut auf Grund einer Umfrage aufmerksam, aus der es den kritischen Schluß zieht, daß offenbar die Anpassungsfähigkeit mancher (selbst großer) Unternehmen zu wünschen übrig lasse. Unbeweglichkeit – gibt man zu bedenken – könne nicht durch expansive Kreditpolitik geheilt werden: Im Gegenteil!

Freilich würden nur wenige Engländer die allmähliche Zinssenkung als „Politik der Expansion“ etikettieren. Man kehrt lediglich zum „normalen“ Zinsniveau zurück, das übrigens mit einer Bankrate von 4 1/2 v. H. noch keineswegs erreicht ist; die „Norm“ wäre 3, höchstens 3 1/2 v. H. Nicht einen Tag länger als unbedingt notwendig solle man sich mit einem zu hohen Zins belasten –, das ist nicht nur die Meinung der Kreditnehmer, sondern auch der Finanzinstitute, die sich von niedrigeren Zinsen ein Mehr an Geschäften versprechen. Während die Banken automatisch ihre Sollzinsen um 1/2 v. H. auf 5 – 6 v. H. reduzierten, hat die größte Hypothekengesellschaft ihre Zinsen (für alte und neue Hypotheken) von 6 auf 5,5 v. H. gesenkt.

Deutsche Banken waren, wie man hört, wieder bereit, Geld in London anzulegen. In der Tat sind seit Wochen und Monaten viele Gespräche dieser Art mit den Diskonthäusern und den Merchant Banks in London geführt worden, ohne daß es dabei zu größeren Geschäften gekommen wäre. Nehmen die deutschen Banken die übliche Termindeckung vor, so zehrt diese den ganzen Zinsgewinn auf. Als das Pfund vor etlichen Wochen am unteren Interventionspunkt von 11,67 DM lag, war es denkbar, daß eine Bank (die Möglichkeit einer Abwertung des Pfundes ausschließend) auf Kursdeckung verzichtete und den Zinsgewinn von fast einem Prozent ungeschmälert wahrnahm. Doch: ganz wohl ist keinem Bankier bei solchen Transaktionen. Seitdem nun das Pfund auf über 11,69 DM geklettert ist, muß der deutsche Bankier damit rechnen, daß er bei einem späteren Rückzug in Deutsche Mark vielleicht nur 11,67 DM erzielt. Schon dieser kleine Verlust von zwei Pfennig schließt jede Arbitrage zwischen Deutschland und London aus.