Bemerkenswerte Ergebnisse einer Meinungsumfrage an der Warschauer Universität

Die politische Linie der herrschenden Gruppe im Polen Gomulkas hat sich seit dem vergangenen Sommer zusehends der kommunistischen Orthodoxie angenähert. Die „Revisionisten“ sind nicht nur von der Partei zurechtgewiesen, sondern auch von der Zensur mehr oder minder mundtot gemacht worden. Aber das politische Klima in Warschau unterscheidet sich immer noch gründlich von dem in anderen Hauptstädten des Ostblocks. Zwei Dinge sind dafür vor allem bezeichnend: daß es erstens keine Furcht vor der Geheimpolizei gibt, keine Verhaftungen und Verurteilungen Andersdenkender, und daß zweitens (was nur die andere Seite desselben Phänomens darstellt) zwar die öffentliche Meinungsäußerung beschränkt, die private jedoch durchaus unbehindert ist.

Eine Auswirkung dieser eigentümlichen Situation ist das bemerkenswerte polnische Interesse an einer soziologischen Methode, die in den anderen kommunistischen Ländern nicht nur verpönt, sondern auch völlig unanwendbar ist: der modernen Meinungsforschung. Wollte man in Prag oder in Leipzig, in Budapest oder in Sofia solche Erhebungen anstellen – die Antworten würden wohl durchweg einfach die offizielle Parteilinie widerspiegeln, weil kaum jemand den Mut zu individuellen Antworten aufbrächte. In Warschau aber hat vor kurzem die Soziologische Abteilung der Universität eine Studie über die Haltung der Warschauer Studenten zu religiösen, philosophischen und politischen Fragen abgeschlossen, die außerordentlich interessante und keineswegs „konformistische“ Ergebnisse erbrachte. Ein erster – allerdings noch unvollständiger – Bericht über diese Erhebungen, in deren Verlauf zwischen Oktober 1957 und Juni 1958 725 Studenten aller Fakultäten befragt wurden, ist inzwischen in der Zeitschrift „Przeglad Kulturalny“ veröffentlicht worden.

Die erste Frage betraf die religiöse Einstellung der Studenten. Rund zwei Drittel aller Befragten bekannten sich dabei als „gläubig“, doch fast die Hälfte dieser Gläubigen rechnet sich zu der Gruppe, die zwar religiöse Überzeugungen hat, nicht aber praktizierendes Mitglied ihrer kirchlichen Gemeinschaft ist. Anderseits haben nur 3 v. H. der Befragten – eine verschwindende Minderheit also – eine betont antireligiöse Position bezogen. Eine überwältigende Mehrheit betrachtet Religion als „Privatsache“. Nicht ein einziger der 750 Studenten hat zugegeben, daß er seinen religiösen (oder antireligiösen) Auffassungen notfalls auch mit Druckmitteln Beachtung verschaffen möchte, und nur sehr wenige möchten ihre Meinungen mindestens durch „Propaganda ohne Druck“ verbreitet sehen. Darüber, daß jeder nach seiner eigenen Fasson selig werden solle, herrscht eine erstaunliche Übereinstimmung zwischen Gläubigen und Ungläubigen.

Das Gewissen

Der ausgesprochen individualistische Zug, den das Bekenntnis zur Toleranz und die Abneigung gegen jede weltanschauliche Propaganda verrät, tritt noch deutlicher in den Antworten auf die Frage zutage, was man als die höchste moralische Autorität anerkenne. Nahezu jedermann, so heißt es in dem Bericht von Przeglad Kulturalny, habe dabei an erster Stelle das eigene Gewissen genannt; an zweiter Stelle kam die Berufung auf nahestehende Menschen, sei es auf die Familie oder auf irgendwelche Freunde. Politische Autoritäten (oder, wie es der Fragebogen vorsichtiger ausdrückte, „Gebote der sozialen Ideologie“) wurden ebenso selten angeführt wie religiöse. Auch dies deutet auf eins durchaus untotalitäre, ja antiautoritäre und äußerst persönlichkeitsbezogene Haltung der jungen polnischen Intelligenz hin.

„Keine Meinung“ und doch eine