XXV. Am Ende einer Weltreise: die Sowjetunion – Auf dem Flugplatz Pathankot – Unteilbare Freiheit

Von A. E. Johann

Unser Mitarbeiter ist wieder in die Heimat zurückgekehrt. Er war 16 Monate unterwegs, in allen Kontinenten und über alle Meere, und hat dabei insgesamt weit über 150 000 Kilometer zurückgelegt: im Flugzeug, in der Eisenbahn, im Schiff, im Auto und zu Fuß. Er beschließt die Berichterstattung über seine Weltreise mit den folgenden Artikeln über die Sowjetunion, in denen auch Überblicke und Gesamtergebnisse der nun nach eineinhalb Jahren beendeten Reise formuliert werden.

Wir Deutsche haben mit England, Frankreich, den Vereinigten Staaten und einer Reihe von weiteren Ländern des Westens fünf und ein halbes Jahr lang Krieg geführt. Das Ende vom Liede war die „totale“ Niederlage und die „Kollektivschuld“. Es kamen jene Jahre, in denen wir nichts weiter waren als Objekte einer nicht immer sehr erleuchteten Besatzungspolitik; und diese Jahre sind noch gar nicht allzu lange vergangen. Dennoch bereitet es heute manchem von uns eine gewisse Mühe, sich zurückzuversetzen in das saure Unbehagen, das materielle Elend und die trübe Hoffnungslosigkeit jener Zeit. Wir sind mit unseren früheren Gegnern im Westen wieder ins reine gekommen. Wir vermögen mit Engländern, mit Franzosen, Amerikanern oder Australiern wieder unbefangen zu verkehren. Selbst mit Menschen aus der jüdischen Welt kommen wir langsam wieder ins Gespräch. Daß unsere Beziehungen zu den früheren Gegnern und Opfern der Wahnsinnspolitik des Hitlerschen Deutschland sich normalisiert haben, sagt natürlich nichts darüber aus, ob auch wir selbst die Vergangenheit der „Tausend Jahre“ innerlich schon bewältigt haben; ich fürchte, nein. Wie \ ein riesiger Felsblock stehen diese Jahre uns im Wege. Wir haben höchstens, ein paar gut befahrbare Umgehungsstraßen gebaut, aber irgendwann werden wir den Block aufspalten und abtragen müssen, das heißt: Wir müssen die bittere Schlußrechnung anerkennen und bezahlen.

Ist es etwa nicht so, daß wir – was unsere innere Haltung anbelangt – mit den Sowjets immer noch im Kriege stehen? Noch immer beherrscht uns gegenüber Rußland jene Verkrampfung der Seele, die jeder Krieg bewirkt. Und die Begriffe „Rußland“ und „Russen“ sind für die meisten von uns immer noch von einer Aura des Erbarmungslosen und Unberechenbaren umwoben. Dieses Gefühl lagert wie eine Wolke über uns, in der wie verhangene . Blitze viele bedeutungsschwere Namen und Vorstellungen zucken: Kesselschlacht, Schlamm, Eiseskälte, Stalingrad ... „Uhri-Uhri“, Vergewaltigungen, Gefangenenlager Workuta ... Hunger, „Arbeitssoll“ und manches andere. Und so ist Rußland für jeden zweiten von uns das ganz andere, das Fremde, das Urfeindliche. Unvoreingenommen ist höchstens die Generation, die nach dem Kriege in Westdeutschland aufwächst und für die es Legende ist, was die Älteren als bittere und fürchterliche Wirklichkeit erlebten.

Und dann ist da die Generation derer, die heute fünfzig Jahre alt und älter sind. Sie erinnert sich noch daran, daß wir vor 1933 mit Sowjetrußland Geschäfte gemacht haben. Die deutsche Industrie, deutsche Techniker, Monteure haben sich einst intensiv an den großen russischen Industrieplänen beteiligt; deutsche Arbeiter waren gegen guten Lohn jahrelang bei deutschen Bauvorhaben in der Sowjetunion tätig. Die Reichswehr der Weimarer Republik ließ in der Sowjetunion ihre Kerntruppen an all jenen Waffen ausbilden, die ihr in Deutschland selbst nach den Bestimmungen des Versailler Vertrages verboten waren. Deutsch wurde als wichtigste Fremdsprache an allen mittleren und höheren Schulen der Sowjetunion gelehrt. Der kulturelle Austausch zwischen Deutschland und der Sowjetunion war rege. Es gab eine reiche deutsche Literatur über die verschiedenen Aspekte der Sowjetunion – von streng sachlichen Darstellungen bis zum Feuilleton jeden Kalibers. Die Haltung der deutschen Intelligenz war die einer abwartenden Objektivität. Man sprach, oft genug nicht ohne Wohlwollen, von dem „großen russischen Experiment“. Die Entwicklung der kommunistischen Praxis wurde in Deutschland lebhafter erörtert als in den meisten anderen Ländern des Westens.

Als Hitler zur Macht kam, versickerte der bis dahin breite Strom der Erörterung sowjetischer Verhältnisse schnell. Und als der Diktator den mit der Sowjetunion geschlossenen Nichtangriffspakt (vom 13. August 1939) ohne Warnung brach und als Deutschland und Rußland sich bald darauf in ein gnadenloses Ringen auf Leben und Tod verwickelt sahen, wurde die Möglichkeit eines Ausgleichs zwischen Deutschland und der Sowjetunion auf lange Zeit hinaus verschüttet.