M-M, Hamburg

Der Streit zwischen dem Bürger Franz-Josef Strauß, der auch Bundesminister ist, und dem Verkehrspolizisten Hahlbohm, der in Bonn an der Kreuzung von Reuterstraße und Koblenzer Straße Dienst tut, ist durch die Tageszeitungen hinreichend populär geworden. Auch sah man Bilder, darstellend den jungen Beamten, wie er von Blumen umgeben war, die den Dank der Bürger dafür zum Ausdruck brachten, daß er, der kleine Polizist, dem großen Verteidigungsminister Widerstand geleistet hatte, an jener Ecke, Reuter- und Koblenzer Straße mit ausgestreckten Armen quer zur Fahrtrichtung und doch ein ganzer Mann.

Wie sympathisch demokratisch ist das Verhalten von Menschen, die freimütig einen Minister kritisieren und von ihm fordern, er solle vorbildlich sein! Wie charmant, daß sie Blumen zur Kritik benutzen! Der Minister habe Schuld – so hört man allerwege –: Er habe seinem Fahrer befohlen weiterzufahren, einfach draufloszufahren, obwohl der Polizist die Fahrtrichtung gesperrt hatte. Zwar erhielt der Fahrer des Ministers die Anzeige, die der Polizist in die Wege leitete, aber der Minister war der Getroffene, er schrie denn auch kräftig auf...

Wie aber, wenn einer aufstünde und sich – wie der Schutzmann auf die Mitte der Straßenkreuzung – in die Mitte des Problems stellte? Er würde sich vielleicht nicht getrauen, einen Mann und gar einen Minister zu verteidigen, der die Verkehrsregeln durchbricht. Aber eines würde er doch wohl beobachten: Daß es in Bonn – zumindest aber an der bewußten Kreuzung der Koblenz zer Straße – keinen Polizisten gibt, der sich sagt: ‚Aha, das ist der bekannte Wagen des Ministers; wie eilig der’s wieder hat. Mag sein, daß er wieder aufgehalten wurde in seinem Büro, während man ihn dringend woanders erwartete. Also geben wir ihm freie Fahrt, wie wir’s bei den eiligen eigenen Wagen der Polizei ja auch tun. Wahrscheinlich hat der Minister Wichtigeres zu tun als wir, die wir mal rechts, mal links die Fahrt freigeben oder sperren!‘

Nein, einen so denkenden Schutzmann gibt es in Bonn nicht, mindestens nicht an dieser Kreuzung. Und es wäre ihm doch kein Stern von der Schulter gefallen, hätte er den Einfall gehabt, daß, wenn ein Minister es eilig hat, er vielleicht Wichtigeres zu tun haben mag. Ist denn der Schutzmann zum Denken auf die Kreuzung gestellt worden? Nein, zum Winken. Sonst säße er vielleicht selbst im Ministerium...

Dies hätte nun wieder Franz-Josef Strauß bedenken sollen. Wirklich, er hat falsch gehandelt. Die Frage, ob er, sobald er sein Ministerium verläßt und im Auto sitzt, nichts weiter, als ein Bürger in oder ein Minister auf Dienstfahrt, kann ein Schutzmann nicht entscheiden, ja nicht einmal erwägen.

‚Was?‘ , so höre ich entrüstet fragen, ‚Sie wollen, daß einer Sonderrechte kriegt, bloß weil er Minister ist? Gerade der sollte vorbildlich sein, und sich nichts herausnehmen!‘

Nein, was ich – beim Versuch, mich in die Mitte des Problems zu stellen – fragen wollte, ist bloß dies: Was weht da in Bonn, Ecke Koblenzer Straße, für eine Luft, wo ein Minister nicht tun will, was ein Schutzmann vorschreibt (wo wir doch alle tun, was die Polizei befiehlt) und wo ein Polizist Blumen kriegt, weil er auch einem Minister gezeigt hat, was er doch sonst uns allen zeigt: nämlich, was eine Harke ist? Was weht da bloß für eine Luft?