Von Walter Abendroth

Immer einmal wieder wird irgendeine Kunstgattung totgesagt. Richard Wagner behauptete, nach Beethoven könne niemand mehr Symphonien schreiben. Als die Jugendmusikbewegung aufkam und die Reaktion auf die Spätromantik einsetzte, hieß es, die Epoche der Oper sei vorbei. In der bildenden Kunst galt lange die architekturverbundene Malerei als erledigt. So einleuchtend auch ihre stets aus der Analyse des Zeitgeistes gewonnenen Begründungen sein und so sehr gewisse einzelne Symptome für diese aktuellen Kunstparolen sprechen mochten, so wenig Bestätigung fanden sie durch die Wirklichkeit. Die theoretisch begrabenen künstlerischen Ausdrucksformen lebten unbekümmert weiter.

Nun gab eine Münchner Uraufführung den Anlaß, zu fragen, ob in unserem „Massenzeitalter“ die Volksoper „noch möglich“ sei. Daß. das anstoßgebende Werk eine „Volksoper“ ist, wurde allgemein unterstellt. Was indessen unter diesem Begriff verstanden werden soll, blieb ungeklärt. Offenbar kann nur gemeint sein: eine Art von Oper, die zu ihrem Verständnis keiner intellektuellen Anstrengungen bedarf, die keine geistigen oder technischen Probleme stellt, keine kunstideologischen Rätsel aufgibt, in Stoff und Handlung dem normalen Fassungsvermögen zugänglich ist und deren Musik dem normalen Ohre „eingeht“.

In der Tat sehen so die Werke aus, die auch von der Musikgeschichtsschreibung gelegentlich als „Volksopern“ bezeichnet werden. Musterbeispiele dafür sind die Opern von Lortzing, Humperdincks Märchenoper „Hänsel und Gretel“, Pfitzners Weihnachtsoper „Das Christelflein“, vielleicht auch das eine oder andere Stück von Wolf-Ferrari. Auch Webers „Freischütz“, eventuell sogar den „Oberon“ kann man dazu rechnen. Mozart in diesem Zusammenhang zu denken, verbieten vor allem stilistische Eigenschaften, deren höfischer Ursprung und geistige Rangordnung dem, was wir heute unter „Volk“ vergehen, allzu fern liegen.

Das Gebiet ist, wie man sieht, nicht sehr groß. Und wirklich trat die eigentliche „Volksoper“ von jeher um so seltener in Erscheinung, als die Kunstgattung „Oper“ überhaupt ihrem Wesen und ihren meistens wohltemperierten Ansprüchen zufolge die „Masse“ angezogen hat.

Was demnach als Sondergebiet „Volksoper“ aus der Gesamtgattung „Oper“ auszuklammern wäre, das findet sein Modell vielleicht am ehesten im klassisch-biedermeierlichen „Singspiel“. Und da berührt es sich engstens mit der Welt des Wiener Volkstheaters und dessen musikseliger Spezialität: der Zauberposse.

Eine „Zauberoper“ ist denn auch das Objekt einer Münchner Uraufführung, und ihr Text ist eine Nach- und Umdichtung von des alten Ferdinand Raimund „Alpenkönig und Menschenkind“. Wilhelm M. Treichlinger unternahm es, aus der alten Dichtung ein Libretto zu machen für Mark Lothar – wie es vor mehr als fünfzig fahren schon einmal Richard Batka für Leo Blech getan hat. Auch die Änderung des Werktitels wurde schon damals bevorzugt: „Rappelkopf“.

Mark Lothar – einst Gustaf Gründgens in Berlin als musikalischer Adlatus verbunden – hatte schon immer eine Vorliebe für Rappelköpfe und ähnliche Sonderlinge. Seine früheren Opern hießen „Tyll“, „Lord Spleen“, „Münchhausen“ und „Schneider Wibbel“. Man kann sie die, zumindest der Absicht und dem Konzept nach, „Volksopern“ nennen.

Der „Rappelkopf“ nun stellt so etwas wie das Fazit von Lothars bisherigem Schaffen dar. Er veist, nicht zuletzt auch als Frucht langjähriger kompositorischer Filmarbeit, eine ungewöhnliche handwerkliche Meisterschaft aus, die aber nicht in leere Routine abgleitet. Er bezeugt ein impulsives Musikantentum und ein poetisches Gemüt, dem die ihm beigesellte Virtuosität wenig schaden konnte. Dieser Komponist ist noch mit ganzem Herzen bei seiner Sache, und er hat ein Herz! Darum eben hat er auch eine Sprache, die ihm zugehört. Ihre Eigenheit kommt in der „Rappelkopf“-Musik (unerwarteterweise) weniger in den breiten lyrischen Ergüssen der Schlußszenen zur Geltung als in einer Reihe famoser Ensembles, in den bufforesken Episoden, in stimmungsträchtigen Naturimpressionen, in schwungvollen Orchesterzwischenspielen, deren effektvollstes und großartigstes die große Gewitterfuge ist.

Die Frage, ob Treichlinger den Raimund durch die Librettisierung hindurchzuretten vermochte, darf alles in allem genommen mit ja beantwortet werden. Die Frage, ob Lothar dem Text, dem humorvoll-gemütlichen, romantisch-ernsthaft-verspielten Bühnengedicht alles zukommen ließ, was es von der Verzauberungskraft der Musik erwarten konnte, ist gleichfalls zu bejahen.

Manche kritische Hörer fanden zuviel „Illustration“ in der glänzend instrumentierten Partitur. Aber liegt in dieser Richtung nicht immer das Opfer, welches die reine Kunst der Töne dem Theater bringen muß, um den seltsamen Wechselbalg „Oper“ zu verwirklichen?

Andere fanden zuwenig „Volksmelodik“, zuwenig „leicht zu Behaltendes“ darin und meinten darum, es sei eben doch keine Volksoper. Jedoch die Voraussetzungen der „Volkstümlichkeit“ ändern sich. Und das Leicht-nachträllern-Können ist heutigen Operngästen keine Bedingung mehr für Nachwirkung. Das Publikum im Staatlichen Gärtnerplatz-Theater jedenfalls ließ sich am Premierenabend oft und oft zu Begeisterungsausbrüchen hinreißen und feierte am Ende nicht nur den Regisseur Staatsintendant Willy Duvoisin (der am 9. Sept. mit dem Auto tödlich verunglückte), den Bühnenbildner Max Bignens, den Dirigenten Kurt Eichhorn, die Hauptakteure, die alle zusammen der Neuheit eine Wiedergabe von herrlicher Vollkommenheit gesichert hatten, sondern auch. besonders und ausdrücklich den vielmals herausgerufenen Komponisten.

Kein Zweifel: das Stück „schlug ein“. Die Bedenken der Weisen hinsichtlich der Volksoper oder nicht Volksoper hakten insbesondere bei den vermißten „Volksmelodien“ ein.

Ein vager Einwand, auf einen vagen Begriff gestützt. Was ist „Volksmelodie“ im Zeitalter des Kofferradios mit Jazzrepertoire? Schöne und schlichte Melodik aber ist genug im „Rappelkopf“.

Warum also sollte die „Volksoper“ nicht mehr möglich sein? Sollte das Märchen, das Zauberwesen, die Romantik auch in leiser Selbstironisierung von dem „kühlen Tatsachenblick“ des atomzeitalterlichen Massenmenschen nicht standhalten? Aber das sind doch alles mehr oder weniger leere Schlagworte – unkontrollierbare Behauptungen, nichtssagende Phrasen. In Wahrheit verlangt auch und gerade heute der Mensch aus der Gefangenschaft seiner rationalen Überforderung, seiner Vereinseitigung im Zweckmäßigen hinaus in die Verzauberung durch die Illusion.