Auf eine hundertfünfzigjährige Tradition kann in diesen Tagen der Stinnes-Konzern zurückblicken. Aus der kleinen Kohlenhandels- und Schiffahrtsgesellschaft des jungen Mathias Stinnes in Mülheim/Ruhr ist in eineinhalb Jahrhunderten ein weltweites Unternehmen mit nahezu 100 Tochtergesellschaften und Beteiligungen geworden,

Das heutige Unternehmen, das auf die Gründung vor 150 Jahren zurückgeht, hat ein weitgespanntes Betätigungsfeld. Es reicht vom Steinkohlenbergbau über die Chemie und Glasindustrie zur See- und Binnenschiffahrt, zum Kohlenhandel und -import, zu Schiffbau, Hafenbetrieben und Seebefrachtung. Nicht zuletzt spielen Mineralölverarbeitung und der Handel mit Eisen, Düngemitteln und Baustoffen und schließlich sogar der Betrieb eines Hotels eine Rolle im Konzerngebäude der heutigen Hugo Stinnes GmbH, der Zwischenholding für rund 60 westdeutsche Konzernglieder. Die Steinkohlenbergwerke Mathias Stinnes AG ist nach der vor zwei Jahren durchgeführten Konzentration des Zechenbesitzes sowie der Glaswerke und des Chemiewerkes die Kernzelle des Unternehmens geworden. Die Leitung dieses Hauses ist der Familie Stinnes entglitten, Deren Interessen sind einmal in der Hugo Stinnes OHG mit Frau Claire Stinnes und ihren Kindern – ausgenommen Hugo Stinnes jun. – zusammengefaßt; andererseits gruppieren sie sich um die Hugo Stinnes Industrie- und Handels GmbH als Holding für die vielseitigen Unternehmen von Hugo Stinnes jun., eines Urenkels von Mathias Stinnes.

Der Wiederaufbau des alten Stinnes-Konzerns nach dem zweiten Weltkrieg war die nicht einfache Aufgabe von Männern, die in keiner verwandtschaftlichen Beziehung mehr zur Gründerfamilie stehen. Das Verdienst, die ständig drohende Gefahr der Entflechtung und des Ausverkaufs des Gesamtunternehmens verhindert zu haben, kommt der Firmenleitung der letzten zehn Jahre, vor allem dem Generaldirektor Heinz P. Kemper zu. Seiner Initiative ist der Zusammenschluß der Zechen und weiterverarbeitenden Betriebe und die Rückerwerbung der Kontrolle über die Hugo Stinnes Corporation in Baltimore USA zu verdanken.

Zur Gründung dieser Holding für den gesamten Stinnes-Konzern war es nach dem Tode von Hugo Stinnes dem Älteren gekommen, als damals aufgetretene Schwierigkeiten nur noch mit amerikanischer Hilfe behoben werden konnten. Im Jahre 1942 hatte die US-Regierung den Anteil der Familie Stinnes, der nur noch etwas mehr als die Hälfte des Aktienbesitzes ausmachte, als Feindvermögen beschlagnahmt. Erst im Juni 1957 war es dann einer unter der Führung der Deutschen Bank stehenden Bankengruppe gelungen, die von der amerikanischen Regierung zur Versteigerung freigegebenen shares und weitere in amerikanischem Privatbesitz befindliche Anteile zurückzuerwerben und damit 87 v. H. des Kapitals der Corporation wieder unter deutsche Kontrolle zu bringen.

Für die Überraschung der anläßlich der 150-Jahrfeier erschienenen Festversammlung sorgte der Vorsitzer des Aufsichtsrats, Abs, indem er – zugleich als Vorsitzer des Bankenkonsortiums – Ausführungen über das Schicksal des zurückerworbenen Aktienpakets machte. Er kündigte an, daß die Neuordnung der Eigentumsverhältnisse bei Stinnes nicht mehr lange auf sich warten lassen, werde. Nach dem offenbar vorliegenden Plan – auf den die Bundesregierung durch ihre Beteiligung an der Gruppe (über die Kreditanstalt für Wiederaufbau) maßgeblichen Einfluß hat – soll der gesamte Stinneskomplex zusammenbleiben. Andererseits kann davon ausgegangen werden, daß das Aktienpaket nicht einem oder wenigen großen Interessenten übertragen werden wird. Die Stinnes-Aktien sollen vielmehr breit gestreut werden. Zwar sollen auch die Interessen der Familie Stinnes Berücksichtigung finden, aber es kann keinem Zweifel unterliegen, daß deren Anteil bei weitem nicht mehr den früheren Umfang erreichen wird. nmn.