Illustre Stationen einer schönen Seereise – Penny-Taucher und Madeiradecken "made in Hongkong"

Von Ruth Herrmann

Genua, im September

Menschen, die mit der Bahn oder im Wagen verreisen, kann man fragen, wohin sie fahren. Schiffsreisende fahren in erster Linie auf dem Schiff. Wo sie an Land gehen, ist eine zweite Frage.

Der Schiffspassagier verläßt seinen Ort plötzlicher, radikaler als der Reisende zu Lande. Er ist schon fort im Augenblick, da sein Schiff sich vom Kai gelöst hat, und sei es auch noch so nahe, daß er, ohne seine Stimme zu heben, zu den Zurückbleibenden sprechen kann. Die dort drüben sind schon jenseits, und wenn aus dem halben Meter Abstand ein Kilometer geworden ist, dann sind sie vorerst ganz verschwunden. Später erst findet der Schiffsreisende sie wieder – in seinen Gedanken und im Postverteilungskasten. Zunächst aber wendet er sich ab und seinem Schiff zu. Er sieht sich im Hause um, das er bezogen hat.

Dies ist der Augenblick, da der Kapitän auf der Brücke "die Ausreise mit einer Kreuzpeilung beginnt, die den Platz des ersten winzigen Bleistiftkreuzchens auf der weißen Fläche der Übersegelungskarte bestimmt, wo dann am Mittag jedes künftigen Reisetages der Schiffsort durch ein anderes, ebenso winziges Bleistiftkreuzchen bezeichnet werden wird". Ich nehme an, der Kapitän des HAPAG-Dampfers "Ariadne" hat es, als wir den Steubenhöft in Cuxhaven verließen, ebenso gemacht, wie ich es bei Joseph Conrad abgeschrieben habe.

Ich ließ mir sagen, wo meine Kabine, meine Wohnung für die nächsten sechzehn Tage, zu finden wäre, und gelangte auf dem Umweg über eine Bar dorthin, was einen kurzen Aufenthalt bewirkte. Whisky- und Kognakflaschen sehen ja auf Schiffen weit liebenswürdiger aus als an Land, weil sie nicht durch Zölle entstellt sind. Nachdem ich mir als Seefahrerin zugetrunken hatte – jeder ehrliche Schiffspassagier muß zugeben, daß er in einem Eckchen seines Innern ein bißchen Seemann spielt –, bestand die Aussicht aus den beiden Bullaugen meiner Kabine nur noch aus Wasser. Cuxhaven war weg, die deutsche Küste verschwunden, wir schwammen auf offener See.