Die Post muß in Berlin eine Ausnahme machen

S. L., Berlin

Die Berliner sind der rhetorischen Lorbeerkränze, die ihnen von Festrednern unermüd-Ich geflochten werden, seit langem überdrüssig. Aber wenn sie auch keine Phrasen über ihr "tapferes Ausharren" auf "vorgeschobenem Posten", ihre "Insel-Lage im roten Meer" hören mögen, so empfinden sie ihre besondere Lage doch täglich sehr deutlich und haben auch genaue Vorstellungen darüber, wie man ihr Rechnung tragen muß. Dazu gehört, daß nicht jede in der Bundesrepublik geltende Neuordnung unverändert auf Berlin übertragen werden kann.

So wäre ein krasser Mißgriff zum Beispiel die Übertragung der neuen Ordnung in der Postzustellung, die im Bundesgebiet ab 1. Oktober gültig wird, auf Berliner Verhältnisse. Die Einführung der 45-Stunden-Woche für Bundesbedienstete hat zur Folge, daß die Post künftig nur noch einmal am Tage zugestellt wird. Im Bundesgebiet, wo zahlreiche Postzüge täglich verkehren, ist das für den einzelnen unangenehm, aber es bleibt ohne einschneidende Folgen für das Gesamtgewebe der Wirtschaft. In Berlin dagegen würde die fehlende Mittagszustellung sonnabends und montags katastrophal auf die Wirtschaft wirken.

Die Post für Berlin aus dem Bundesgebiet trifft erst mit den Interzonenzügen zwischen acht und neun Uhr morgens ein, zu spät also für die Frühzustellung. Der Ausfall der Spätzustellung würde bedeuten, daß Briefe aus dem Bundesgebiet, die am Sonnabend früh in Berlin eintreffen, erst am Montag zugestellt werden. Briefe aus Süd- und Südwestdeutschland brauchten dann in Zukunft vier statt – wie bisher – zwei Tage. Schnelle Abwicklung von Geschäften würde in dem ohnehin komplizierten Berliner Wirtschaftsablauf also noch beschwerlicher.

Das Berliner Abgeordnetenhaus hat die Landespostdirektion – die ihrerseits an die Weisungen des Bundespostministeriums gebunden ist – dringend gebeten, die Post in Berlin weiterhin am Sonnabend- und Montagnachmittag zuzustellen. Und wie es heißt, haben die Berliner Klagen auch schon das Ohr des Bundespostministers erreicht. Er ist ja ohnehin gerade in Berlin...