A. M., Paris, Anfang Oktober

Das Erstaunliche an de Gaulles Vierfünftel-Mehrheit ist, daß sie einen Graben überwand, der in der französischen Innenpolitik unüberwindbar zu sein schien. Mitten durch den mächtig großen Mittelstand zieht sich dieser Graben. Links von ihm ist man betont republikanisch, antimilitaristisch, antiautoritär; rechts von diesem Graben hingegen zeigt man sich einer gemäßigten autoritären Regierungsform gegenüber dann nicht abgeneigt, wenn die Zeitläufte unruhig werden.

Dieser Graben hat sich immer wieder als größtes Hindernis für eine einheitliche französische Politik erwiesen. De Gaulle hat deshalb alles daran gesetzt, ihn zu überwinden. Der Preis, den er zahlen mußte, war groß: er entleerte das Plebiszit vom Sonntag jeder inhaltlichen Bedeutung, indem er sowohl den Männern von Algier wie den Repräsentanten der 4. Republik erlaubte, sich um ihn zu scharen, was wiederum nur möglich war, weil er seine künftige Algerien-Politik sorgfältig im unklaren ließ. So wurde denn die Fragestellung des Plebiszits zu einem unverbindlichen "nicht wahr, so kann es nicht weitergehen – Ihr seid doch auch dafür, daß es anders und besser wird?"

Kein Wunder, daß man damit die größten Wählerzahlen der französischen Geschichte in die Urnen brachte und daß es sogar gelang, der kommunistischen Partei einen Teil des um sie gelagerten "Flugsandes" abspenstig zu machen. Es war genau die Fragestellung, die dem Franzosen erlaubte, seine gewohnte Unbeteiligtheit an der Politik beizubehalten.

Aber nun steht General de Gaulle zum drittenmal in seinem Leben als fast absoluter Monarch vor dem willigen Teig Frankreich. Von fünf Franzosen haben vier ihre Souveränität an ihn delegiert, und auch juristisch ist die Bahn frei: § 92 der neuen Verfassung gibt dem Regierungschef de Gaulle für eine Übergangszeit von vier Monaten die Vollmacht, "auf allen Gebieten die Maßnahmen zu ergreifen, die er für notwendig hält für das Leben der Nation, den Schutz ihrer Bürger und die Aufrechterhaltung der Freiheiten".

Das geht weit über die Vollmachten hinaus, die den voraufgehenden Regierungen erteilt wurden und die ja nur für Algerien galten. De Gaulle wird nun nicht darum herumkommen, etwas zu tun. Damit aber setzt sogleich die Gefahr ein, daß seine allzu schöne und allzu große Mehrheit wieder auseinanderfällt.

Auf die Dauer wird de Gaulle es nicht zugleich den Männern von Algerien und den Männern der Vierten Republik recht machen können. Man spürt das schon daran, daß in Algerien drüben die landeseigenen 96,6 v. H. "Ja" keineswegs als Sieg de Gaulles aufgefaßt werden. Sie gelten dort drüben vielmehr als eine Demonstration gegen de Gaulles offensichtliches Zögern vor der wahnwitzigen Integrationspolitik. Seiner vorerst fast unbeschränkten Bewegungsfreiheit in Frankreich entspricht also drüben in Algerien keineswegs der gleiche Raum zum Manövrieren.