Auf immer mehr technischen Straßen führt der kleinste weitere Schritt in Abgrund oder Chaos

Von Edgar Salin

Im folgenden Beitrag beschließt der Verfasser seine Betrachtungen über den "Menschen in der westlichen Wirtschaft". Prof. Salin untersuchte zunächst (Nr. 38 der ZEIT) die Fortschritte der "kapitalistischen Zivilisation", die sich am typischsten darin manifestieren, daß die technischen Errungenschaften in einer bisher nie erreichten Verfeinerung den breiten Massen zur Verfügung stehen, die durchschnittliche Arbeitszeit stark zurückgegangen ist und eine steigende Freude am Eigentum in breitesten Schichten bemerkbar ist. Die Frage nach der Aktualität der Marxschen Kritik für die Gegenwart (Nr. 39) führt zur Erkenntnis einer fundamentalen Änderung in der Einstellung des modernen Arbeiters zu seiner Arbeit – im Vergleich zur vorindustriellen Epoche. Die neue Einstellung wird oft etwas voreilig als materialistische Gesinnung gebrandmarkt. Der Verfasser kommt aber zum Schluß, daß die marxistische Kritik insofern ein utopisches Ideal anvisiert, als ihre Konsequenz nicht in eine Änderung der Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung, sondern in einen Verzicht auf die technische Zivilisation ausmünden würde, der mit der weiteren Existenz des größten Teils der gegenwärtigen Erdbevölkerung unvereinbar wäre. Diese Feststellung ist jedoch kein Anlaß zu beschaulicher Selbstzufriedenheit. Zur äußeren Drohung durch den Totalitarismus ist die innere Bedrohung durch den Maschinen-Roboter getreten, die der soziale Fortschritt nicht ausschließt, sondern der er vielmehr zu erhöhter Aktualität verhilft. Die Menschen, die den Totalitarismus fliehen, werden auf die Dauer die Freiheit, die sie bei uns suchen, nur dann finden, wenn sie bewußt auch gegen diese innere Drohung verteidigt wird.

Die übliche Verketzerung der materialistischen Gesinnung hat einen fatalen Beigeschmack, wo sie, wie bei uns in Europa, an die Stelle einer seelischen oder stammes- oder familienmäßigen Bindung getreten ist und tritt – so wie Gott gegen Mammon, so steht immer Geist gegen Geld. Aber es ist zu bedenken, daß Staaten, die kein feudales Mittelalter hinter sich haben – also alle seit dem 18. Jahrhundert neubegründeten und darunter vorab die USA –, wenig andere Gliederungsmöglichkeiten besitzen als die des Einkommens. Und wenn einer der Väter der Vereinigten Staaten, Benjamin Franklin, das Geld lobt, das ihm die Unabhängigkeit gibt, um frei und gleichberechtigt vor Königsthronen zu stehen, so sollte daraus die allgemeine Lehre gezogen werden: Gewißlich erzeugt das Geld nicht unabhängige Menschen. Aber in Jahrzehnten, in denen Menschen des Westens, in denen große Mehrheiten großer Völker müde wurden und andere vielleicht morgen müde werden, für die innere und äußere Freiheit zu kämpfen, zu opfern, zu sterben – in solchen Jahrzehnten ist es nicht gleichgültig, wenn wenigstens die materiellen Bedingungen des Daseins so gestaltet sind, daß es als lebens- und darum verteidigungswert erscheint. Kommt noch hinzu – wieder vor allem in den USA –, daß das erhöhte Einkommen für die Kinder den Zugang zu höheren Schulen und Universitäten erleichtert, so wird die Materie zum Mittel des sozialen Aufstiegs. Als Gesellschaftswesen, das er ist, wird der Mensch in der Wirtschaft gehalten und gespornt durch den möglichen Erfolg in der Gesellschaft.

Wenn Wohlstand allgemein wird

Wäre also dies die richtige Formulierung, daß in der freien Gesellschaft des Westens die totale Entfremdung des Menschen durch das Geld die Entfremdung als solche aufzuheben tendiert? Der junge Marx hat genau das Gegenteil postuliert: "Das Geld erniedrigt alle Götter des Menschen – und verwandelt sie in eine Ware." Und weiter: "Das Geld ist das dem Menschen entfremdete Wesen seiner Arbeit und seines Daseins, und dies fremde Wesen beherrscht ihn, und er betet es an." So ist es gewesen. Aber ein so totaler Sieg, wie ihn das Geld über die Götter, der Kapitalismus über den Feudalismus errungen hat, stellt fast immer den Beginn der Umkehr dar.

Doch damit nicht genug. Wenn die Arbeiter, falls gut bezahlt, zumeist mit ihrer Arbeit zufrieden sind und wenn auch die feldsoziologischen Untersuchungen samt und sonders auf eine Anhänglichkeit der Arbeiter an Arbeit und Arbeitsplatz selbst in voll spezialisierten und mechanisierten Betrieben deuten, so führt dies zu der Frage, ob nicht der ganze Begriff der Entfremdung ebenso historisch und vergänglich ist wie das Faktum und ob nicht beide der Vergangenheit angehören. Ich behaupte nun: der Begriff der Entfremdung und schon der Begriff der Entäußerung ist bei Marx wie schon vor ihm bei Hegel erwachsen aus dem Glauben an einen natürlichen, einen normalen, einen guten Menschen; ob dessen Existenz in die Vergangenheit, in die Gegenwart oder in die Zukunft verlegt wird, ist religiös und philosophisch, und politisch entscheidend, macht aber keinen Unterschied, wenn die Notwendigkeit besteht, diesem Traum jede faktische Realität abzusprechen.