Bonn, Anfang Oktober

In der Politik wollen die Deutschen von ihrer sonst so geliebten Eigenbrötelei nichts mehr wissen. Auch bei der Landtagswahl in Schleswig-Holstein sind die Splitterparteien weiter dezimiert worden, und selbst die Größeren unter den Kleineren, der BHE und die FDP, haben schwere Aderlässe erlitten. Der Stimmenanteil des BHE ging von 14 Prozent (im Jahre 1954) auf knapp 7 Prozent zurück. Die FDP schrumpfte von 7,5 auf 5,4 Prozent. Hingegen bekam die CDU über 44 v. H. (1954: 32,2) und die SPD nicht ganz 36 v. H. (1954: 33,2).

In der Weimarer Republik waren die meisten Wähler unzufrieden – auch in der Hochkonjunktur, als sie gut verdienten. Die einen trauerten dem Kaiserreich nach und der früheren Größe Deutschlands, die anderen wollten das kommunistische Beispiel nachahmen, das sie damals noch nicht aus eigener Anschauung kennengelernt hatten. Fast alle suchten sie nach neuen politischen Rezepten. Mit den mehr als 30 Parteien, die einander damals den Rang streitig machten, konnte schließlich niemand mehr regieren.

Der Zusammenbruch von 1945 und der unerwartete wirtschaftliche und politische Aufstieg Westdeutschlands in den Jahren danach wirkten allerdings sehr ernüchternd auf die Wähler. Das Bedürfnis nach politischen Sonderrezepten ist sehr gering geworden. Die vom Erfolg umstrahlte Gestalt Dr. Adenauers, der die anderen Parteien keine annähernd gleich zugkräftige Figur entgegenzusetzen haben, übt eine faszinierende Anziehungskraft auf all die vielen aus, die eine starke Führung gern hinnehmen. Das aber bestimmt die Wahlergebnisse auch dort, wo es nicht so sehr um die hohe Politik als vielmehr um Schulen, Straßen, Wohnungsbau und andere reine Verwaltungsaufgaben geht.

Auch in Schleswig-Holstein ist nun die CDU zur stärksten Partei geworden. Zwar hat sie die absolute Mehrheit nicht erreicht, wie es viele ihrer Anhänger erhofft hatten, und kann auch weiterhin nur mit Hilfe einer kleinen Partei, vermutlich der FDP, die Regierung bilden. Da jedoch die ganze FDP im Begriff ist, sich wieder der CDU zu nähern, werden ihre drei Abgeordneten in der Kieler Koalition kaum einen spürbaren Sondereinfluß ausüben.

Nach der Niederlage in Nordrhein-Westfalen sagte man, es habe den Freien Demokraten geschadet, daß sie mit der SPD zusammen regierten. Hat es ihnen in Schleswig-Holstein, wo sie doch mit der CDU regierten, etwa geschadet, daß sie schon vor der Wahl ihre Bereitschaft zur Fortsetzung dieser Koalition zugaben? Was immer sie getan oder nicht getan hätten, sie hätten auf jeden Fall Stimmen verloren. Unaufhaltsam geht es dem Zwei-Parteien-System zu. Und das wird wohl auch so bleiben – wenigstens solange die Wirtschaft blüht und der Wähler keine schweren Existenzsorgen hat. Robert Strobel