Bergungsreeder Schuchmann verzichtet endgültig auf Ballins Stuhl – Keine Abenteuer in der Passagierschiffahrt / Von Kurt Wendt

Zum zweiten Male in diesem Jahr sorgte die Hamburg-Amerika Linie (Hamburg-Amerikanische Packetfahrt-AG), Hamburg, für eine Sensation. Im Februar konnte Behrend Schuchmann, der sich mit seiner Bugsier-Reederei- und Bergungs-AG, Hamburg, internationalen Ruf erworben hat, den Erfolg seiner langjährigen Bemühungen verkünden: es war ihm gelungen, etwa 55 v. H. des jetzigen 52,3 Mill. DM betragenden Hapag-Aktienkapitals in seinen Besitz zu bringen. Jetzt hat er dieses Paket wieder verkauft!

Wer Schuchmann kennt, konnte sich an den Fingern abzählen, daß dieser robuste und im rauhen Bergungsgeschäft so erfolgreiche Niedersachse die ihm durch das Aktiengesetz formal gewährten Rechte bis zur letzten Konsequenz ausnutzen würde. Wie man so etwas machte, hatte er zwischen den beiden Weltkriegen bei der Bugsier-Reederei eindrucksvoll vorexerziert. Eine Wiederholung war aber nur möglich, wenn der Vorstand seinen Wünschen entsprechend besetzt sein und der Aufsichtsrat sich hinter seine Geschäftspolitik stellen würde. Beides war aber bei der Hapag nicht der Fall.

Mit dem Vorstand, in den Schuchmann seinen Schwiegersohn, Dr. Otto Wachs, entsandt hatte, bestanden schon zum Zeitpunkt des Majoritäterwerbs ernsthafte Meinungsverschiedenheiten. Sie mußten sich verschärfen, als Schuchmann versuchte, kraft seiner Aktionärsposition in die Geschäftsführung einzugreifen, um einen Kurs zu erzwingen, mit dem sich die Mehrzahl der Hapag-Vorstandsmitglieder nicht einverstanden erklären konnte. Es lag nahe, daß ein Großaktionär der Hapag, der selbst aktiv im Schiffahrtsgeschäft steht und zu einem großen Teil auf eine Vercharterung seiner Neubauten angewiesen ist, nicht immer eine klare Interessenabgrenzung zu ziehen gewillt war.

Für unabhängigen Vorstand

Der Streit wurde im Februar dieses Jahres in die Öffentlichkeit getragen, als Schuchmann ohne Wissen des Hapag-Vorstandes in Bonn auf die beantragten öffentlichen Mittel für das Passagierschiff „Ariadne“ verzichtet hatte und gleichzeitig die Absicht bekundete, Generaldirektor der Hapag (mit Alleinzeichnungsberechtigung!) zu werden, sich also auf Albert Ballins Stuhl setzen zu wollen. Damals wurde gegen Schuchmann die Öffentlichkeit mobil gemacht. Das war eine völlig neue Situation für den harten Bergungsreeder, denn um diese Seite des Geschäfts hatte er sich bislang noch niemals gekümmert.

In einer vielbeachteten Erklärung sprach sich der stellvertretende AR-Vorsitzende der Hapag, Dr. Karl Klasen, Vorstandsmitglied der Deutschen Bank, die sich seit Jahrzehnten mit der Hapag eng verbunden fühlt und 26 v. H. des Aktienkapitals besaß, für die Erhaltung eines vom Großaktionär unabhängigen Vorstands aus. Er bestritt Schuchmann das Recht, mit seiner knappen Aktienmajorität einen ihm gefügigen Vorstand zu verlangen. Als dann schließlich auch die Handelskammer Hamburg und vor allem der Hamburger Bürgermeister Brauer in sehr scharfer Form gegen Schuchmann Front machten, mußte er zurückstecken. Der Griff nach Ballins Stuhl ging daneben. Das einzige Zugeständnis, das ihm während einer harten Aufsichtsratsitzung gemacht wurde, bestand darin, daß sein Schwiegersohn fortan als „Sprecher“ des Verstandes fungieren sollte, eine Regelung, die jedoch niemals irgendeine Bedeutung erlangte.