Es dauerte einige Tage, bis die Meldung auch in den Westen drang, daß in der letzten Woche in der alten Stadt Krakau Polizisten gegen eine Gruppe von Menschen, die als "religiöse Fanatiker" bezeichnet wurden, mit Tränengas und Gummiknüppeln vorgegangen sind.

Es heißt, jener schlichte Altar, den Katholiken auf einer Krakauer Straße an der Stelle errichteten, wo vor einem Jahr eine Polin eine Marien-Erscheinung hatte, und den jetzt die Männer der Baubehörde von Krakau abbrechen wollten, dieser Altar sei weder vom Staat noch von der Kirche genehmigt gewesen. Es heißt auch, hier habe es sich nicht um eine Bataille im Kirchenkampf, sondern um eine pure "Ausschreitung" gehandelt. Sogar die Kirche selbst habe etwas von "religiöser Hysterie" verlauten lassen.

Ob symptomatisches Scharmützel, ob ganz und gar untypischer Sonderfall – für den Beobachter fügt sich dieser Zusammenstoß zwischen polnischen Katholiken und den Organen des kommunistischen Staates in jenes aufregende Bild, das seit einiger Zeit immer deutlicher im rotschwarzen Panorama der polnischen Gegenwartsgeschichte sichtbar wird.

Kaum ein Tag vergeht, da nicht im polnischen Rundfunk oder in den Parteizeitungen gegen den Machtanspruch des Klerus gewettert wird, da nicht in immer schrillerem Ton Parteigewaltige die Behauptung in die Welt schleudern, die katholische Kirche habe es darauf abgesehen, den Staat zu unterhöhlen.

Der Anlässe gibt es viele, und manche scheinen zunächst geringfügig. Da geht es etwa um die Frage, ob Kruzifixe in den Schulstuben dem weltlichen Charakter dieser Bildungsinstitute zuwiderlaufen; oder es geht darum, ob es als ein hinterhältiger Schachzug des Episkopats zu betrachten sei, wenn er den bevorstehenden Feierlichkeiten zum 1000jährigen Bestehen des polnischen Reiches eine neue Note zu geben versucht durch die Feststellung, daß auch die christliche Taufe Polens gerade 1000 Jahre zurückliege.

Als in der vergangenen Woche der polnische Parteichef Gomulka zum erstenmal selbst das Wort nahm zu einer hallenden und drohenden Philippika gegen die katholische Kirche, war es noch nicht einmal zwei Jahre her, daß eben dieser Gomulka, gerade zurückgekehrt aus den Verliesen, des Stalinismus, seinen Burgfrieden mit der katholischen Kirche schloß. Es war damals, im Spätherbst 1956, daß der rote Herr dem Herrn in Rot, dem Kardinal Wyszynski, die Rückkehr gestattete auf den Platz des Primas von Polen. Die in ihrem Prestige lädierte kommunistische Partei bedurfte damals auf ihrem nachstalinistischen Weg der duldenden Stärkung durch die katholische Kirche.

Doch gab es in jener Zeit in der Zentrale der KP auch einige gewitzte Taktiker, die glaubten, man könne die Macht des Klerus schwächen, indem man die Kirche von allem politischen Druck befreie. Wenn das Bekenntnis zur Kirche nicht mehr zugleich auch Bekenntnis gegen den Staat ist, wenn wir Kommunisten den Katholizismus aus seiner Leidensrolle stoßen um ihn nicht mehr Hort aller Opposition im Staate sein lassen – dann wird sein Einfluß ganz von selbst schwinden. So lautete das Argument.