Von Armin Mohler

Paris, Ende September

Die Bildung einer algerischen "Exilregierung" und ihre sofortige Anerkennung durch Marokko und Tunesien ist für Frankreich zweifellos ein harter Schlag. Darüber täuscht auch die Diskretion nicht hinweg, mit der diese Dinge in der französischen Presse behandelt werden und auch nicht die etwas bemühten Versuche zur Bagatellisierung des Vorganges. Offen bleibt nur die Frage, ob Frankreich es als ein milderndes Pflästerchen auffassen kann, daß die Ministerpräsidentschaft dieser Regierung Ferhat Abbas übertragen worden ist. Dieser 59jährige Apotheker aus Sétif ist einerseits innerhalb des Führungsgremiums der algerischen "Befreiungsfront" (FLN) zweifellos der Repräsentant des gemäßigten und einer Verständigung mit Frankreich aufgeschlossenen Flügels, andererseits aber muß der Name von Ferhat Abbas in Frankreich peinliche Gefühle hervorrufen, weil er wie wenig andere an die unzähligen verpaßten Möglichkeiten der französischen Politik nach 1945 erinnert.

Als Ferhat Abbas im Frühjahr 1956 mit seinem engsten politischen Freund, dem elf Jahre jüngeren Arzt Ahmed Francis, das französische Herrschaftsgebiet verließ und sich in Kairo dem FLN anschloß, hat das auf die Kenner der algerischen Verhältnisse wie eine Bombe gewirkt. Ferhat Abbas war nämlich bis dahin der Vertreter schlechthin gerade jener Schicht des algerischen Volkes, die seit jeher für die Französisierung am offensten war: nämlich der wohlhabenden Bourgeoisie. Hier ging es um mehr als jene französisch-muselmanische Gemeinschaft patriarchalischen Stiles, wie sie bei gewissen Bergstämmen im gemeinsamen Wehrdienst unter der Trikolore entstanden war. Hier handelte es sich auch um etwas völlig anderes als jene durch Geld geschaffene Klientel, deren Organisation sich kaum eine Kolonialmacht verkneifen kann, obwohl das Produkt solcher Investitionen immer von denkbar größter Unzuverlässigkeit ist.

Nein, diese schmale Schicht eines städtischen Bürgertums von gewissem Wohlstand sah wirklich in der kompletten Assimilation an Frankreichs Kultur und Gesellschaft den einzigen Weg, das eigene Volk aus seinen primitiven Lebensverhältnissen zu befreien. Die Möglichkeit einer selbständigen, von Frankreich getrennten Existenz wurde in diesen Kreisen zunächst überhaupt nicht in den Bereich der Möglichkeiten gezogen.

Kein Wunder, daß nach dem Aufsteigen des algerischen Nationalismus in dieser Schicht auch der Versuch unternommen wurde, diesen Nationalismus aufzufangen und in mäßigendem Sinne umzugestalten. Das erschien um so notwendiger, als der Hauptstrang dieser Bewegung sich von Anfang an durch seinen Radikalismus und eine eigentümliche Mischung aus westlichem Linksradikalismus und mohammedanischer Gläubigkeit auszeichnete. Vielleicht liegt dies daran, daß Messali Hadj, der "grand old man" des algerischen Nationalismus, der einzige bedeutende maghrebinische Politiker von heute ist, der nicht aus dem vermöglichen Bürgertum stammt, sondern wirklich von unten kommt: sein Vater war einfacher "Fellah". Er hat nicht an der Sorbonne studiert, sondern das Leben des algerischen Proletariats in den französischen Industriezentren geteilt.

Der 1926 von Messali gegründete Stern Nordafrikas, aus dem dann später die Algerische Volkspartei (PPA), anschließend die Bewegung für den Triumph der demokratischen Freiheiten (MTLD) und zuletzt die Algerische Nationalbewegung (MNA) wurde, unterscheidet sich darum im Kern keineswegs vom FLN, mit dem er in den letzten Jahren in einen unterirdischen Bruderkrieg von fürchterlicher Grausamkeit verwickelt war. Der Gegensatz von MNA und FLN beruht zum großen Teil auf persönlichen Gegensätzen: die im algerischen Maquis verbliebene Unterführerschicht Messalis wollte sich nicht weiter den Weisungen des seit vielen Jahren in französischem Gewahrsam lebenden selbstherrlichen Mannes unterordnen.