Von Johannes Jacobi

Man kann sich mit einem Generalthema der Weltliteratur recht beliebt – aber auch recht unbeliebt machen. Was ist nicht alles schon über die "Liebe" gedichtet worden! Dem Franzosen Henry de Montherlant blieb es vorbehalten, von den Frauen in Acht und Bann getan zu werden.

Montherlant hat einen Romanzyklus von Her Büchern geschrieben, der 1939 abgeschlossen worden ist und seit kurzem unter dem Gesamttitel "Erbarmen mit den Frauen" in deutscher Übersetzung vorliegt (Verlag Kiepenheuer und Witsch, Köln-Berlin, 728 S., 24,80 DM.) In Frankreich hatte dieses in zwölf Sprachen übersetzte Gesellschaftsepos zwar einen hohen Auflageerfolg. Aber deutsche Frauen, die es gelesen haben, reden meistens mit Entrüstung von diesem "Verächter der Frauen".

Die Schandtat, Montherlants: Er lüftete in rigoroser Weise gesellschaftliche Tabus, erkannte Sinnlichkeit und Freundschaft als gesund, sogar ihre Wunden als sauber an. Jedoch "sobald das Herz sich einmischt, entzündet sich die Wunde, und alles wird in Mitleidenschaft gezogen". Im Roman wandte sich der Autor gegen die Herz-"Infektion" des Mannes, an der die Liebe sterbe. Deshalb entlarvte Montherlant den Kult von Anhänglichkeit, Verehrung und Vorrang, den "die Frauen" à conto "Liebe" dem Manne aufgezwungen hätten.

Daß dieser französische Schriftsteller kein Feind "der Frauen" ist, daß er in seinem kritischen Kreuzzug gegen die Mystifizierung der Vitalität, gegen die Herzaffektation der Lust auch den Mann nicht schont, das erfährt man durch ein Theaterstück desselben Autors. Wie ein Epilog erschien es zehn Jahre nach dem Romanzyklus in Paris. Deutsch wurde es jetzt zum ersten Male in Köln gespielt. Es heißt "Frauen, die man umarmt".

Im Mittelpunkt steht der sehr reiche Kunsthändler Ravier. Er ist 58 Jahre alt. Beruf und Geld haben ihre Reize für ihn verloren. Ravier ist verliebt in ein achtzehnjähriges Mädchen, das sich ihm versagt. Es beginnt die Qual eines Roués, der wähnt, zum erstenmal "die Liebe" zu verspüren.

Montherlants "Drei Akte" zeigen "die Dekadenz der Vitalität" als pseudoseelisches Symptom eines Endfünfzigers. Die "Liebe", wie sie ihm von einer ältlichen Mitarbeiterin, Mlle. Andriot, entgegengebracht wird, will er nicht. Das unterdrückte Gefühl dieser Mlle. bewirkt intellektuelle Verbiegungen.