Von Martin Beheim-Schwarzbach

Gewiß ist es ziemlich billig, den Leser mit Vergleichen aus hochberühmter, und ehrwürdiger Sphäre anzulocken, zumal derlei Vergleiche immer irgendwo hinken. Aber es hat doch manchmal den Vorteil der schlagworthaften Vereinfachung und Etikettierung, was dazu dient, erst einmal mit der Rede in Fluß zu kommen. Es sei aber gleich gesagt, daß der hier gemeinte niederländische Dichter wie sein Münchener Verleger von der Schuld an diesem Hinweis auf eine hohe Parallele absolut freizusprechen sind: er ist die alleinige Schuld des Rezensenten.

Es handelt sich also um eine niederländische Lesart des Themas vom Untergang eines Geschlechtes, welches zu den Urthemen oder Archetypen unseres an Untergängen so reichen Jahrhunderts und seiner Literatur gezählt werden dürfte, über welcher der Geist Spenglers nicht zu vertreiben ist:

Ben van Eysselstein: "Verwitterte Steine"; Biederstein Verlag, München; 307 S., 13,80 DM.

Untergänge sind eine große Sache für Dichter. Vom Hause Usher des Edgar Allan Poe bis zu dem schon erwähnten Lübecker Patrizierhaus haben sie den Vorzug, von einem Urelement der Geschichte zu handeln – auf einer Saite zu spielen, deren Echtheit und tiefer Klang sich in den Händen eines Dichters nie verleugnen wird.

Mit diesem niederländischen Dichter, der 60 Jahre alt ist und in seinem Vaterland viel gilt, aber bei uns bis dato unbekannt war, lernen wir ein eindrucksvolles Stück der Literatur unseres kleineren Nachbarstaates kennen, der durch seine Geschichte und Lage dazu berufen ist, Heimat- und Weltrang miteinander zu verschmelzen.

Man muß sich die majestätische Sicherheit und Ausgewogenheit des klassischen englischen Romans sowie die Erhabenheit des Erzählers über neumodische Erfordernisse vorstellen, um sich einen Begriff von der Art zu machen, in der dieser Dichter, ein echter Epiker, die Geschichte zweier Generationen eines niederländischen Herrenhauses erzählt. Sie spielt in der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts, also einer Zeit, in der viel krachendes Gebälk, viel knisternde Glut zu vernehmen war. Aber das Buch, das im Original "Verweerde Stenen" heißt, macht wohltuend wenig Gebrauch von der hereinspielenden äußeren Dramatik der Weltgeschichte.